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Das Wetter ist strahlend. Gleissend steigt eine sehr helle Sonne aus dem Pazifik. Wir wissen: die Jagdboote sind wieder draussen. Also fahren wir mit unserem Boot ebenfalls auch raus. Doch dann überraschen uns eine recht hohe Dünung und kräftiger Wind, der die Wellen mit Schaumkronen adelt. Die schönste Überraschung aber folgt erst noch.

Die Delphinjäger kehren schon vor 8 Uhr unverrichteter Dinge in den Hafen von Taiji zurück. Die Bedingungen sind zu rau für die Treibjagd. Masako, unsere Helferin, fragt offiziell bei der Küstenwache nach, ob wir uns nach Taiji begeben und dort auch landen dürfen. Zu unserem Erstaunen erhalten wir keine abschlägige Antwort.

Bald sind wir drüben in Taiji, machen einen kurzen Landungsstopp bei der Pier unweit des Walmuseums und fahren dann vorsichtig weiter vor den Hafen von Taiji und von dort weiter in die berüchtigte Bucht. Meine kanadische Kollegin und Delphinexpertin Leah Lemieux, die schon in Taiji wartet, sieht verblüfft, wie unser Boot vor der Bucht auftaucht, wo normalerweise die Jagdboote aufkreuzen, um das Schicksal erschöpfter Delphine mit Netzen zu besiegeln. Nicht heute.

Völlig unbehelligt, aber unter den wachsamen Augen einer Sicherheitseinheit der Küstenwache auf einem Schlauchboot fahren wir ganz langsam ein; bis zum inneren Netz. Das Wasser ist kaum noch zwei Meter tief. Das Manövrieren ist heikel aber machbar. Ady und Masako steuern die Kleinyacht mit wachsender Übung.

Am Strand der Bucht macht sich mittlerweile Russ, ein philippinischer Freund von Leah, daran, einen japanischen Butoh-Tanz aufzuführen. Thema: Fluke. Ein stummer, friedlicher, aber eindringlicher Protest gegen die Delphinjagd. Kultur, die diesen Namen auch verdient. Selbst die sechs anwesenden Polizisten und mindestens ebensoviele Männer der Küstenwache schauen beeindruckt zu.

Russ hat in seiner philippinischen Heimat, auf der Insel Cebu, von der Delphinjagd in Japan und der Bucht erfahren. Es hat ihm keine Ruhe gelassen, nachdem er sich seit Jahren mit der Delphinbeobachtung und dem Delphinschutz vor den eigenen Gestaden befasst. Deshalb ist er hierher gereist.

Für die Sicherheitskräfte müssen die Aktivisten eine Wundertüte sein. Mal tauchen sie im Mietauto auf, mal im Bus, zu Fuss, im Taxi, per Zug – oder sogar im Boot. Das führt immer wieder zu bizarren, manchmal amüsanten Momenten. Dazu gehört auch, als Russ in voller Tanzmontur und weiss bemalt aus der öffentlichen Toilette schreitet und zwei gestandene, aber ahnungslose Männer der Küstenwache unbeabsichtigt zu Tode erschreckt.

Natürlich geht es nicht ohne die üblichen Befragungen, etc. Aber eines ist sicher: Heute war ein guter Tag für die Delphine.

Hans Peter Roth