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Gerold Rudle ist österreichischer Schauspieler und Kabarettist und berichtet über seine Sichtungen während eines Forschungsurlaubs in Vonitsa, Ambrakischer Golf, Griechenland.

Ich bin unterwegs nach Griechenland, ins Ionische Meer um eine Woche Urlaub auf einer Forschungsstation des Tethys Research Institutes zu machen. Es ist bereits das sechste mal, dass ich meinen Urlaub als Volunteer auf einer Wal- & Delfinforschungsstation verbringe.

Die erste Reise führte mich nach Kroatien, in einen kleinen Ort namens Veli Losinj. In den Jahren darauf verbrachte ich meine Forschungs-Urlaube vier Mal auf einem Seegelboot in Ligurien, Italien, ebenfalls bei Tethys. Das Großartige an Ligurien ist, dass man die Möglichkeit hat, unterschiedliche Delfinarten, aber auch Wale zu Gesicht zu bekommen. Ich selbst hatte das Glück Grindwale, Finnwale, Streifendelfine, Große Tümmler und Pottwale zu sehen – unbeschreibliche Momente!

In Griechenland werde ich es voraussichtlich “nur” mit Großen Tümmlern zu tun haben, das sind die Delfine, die Sie vor Augen haben, wenn Sie an einen Delfin denken. Aber, und das ist das Wunderbare, ich werde sie von einem Schlauchboot aus sehen, ihnen also wirklich nahe kommen.

Wir wohnen in Vonitsa, einem kleinen, typisch griechischen Ort am Ionischen Meer, am Ambrakischen Golf. Unser Team besteht aus zwei Meeresbiologen von Tethys uVonitsand drei Volunteers. Für kleine, unabhängige Delfinforschungsstationen wie das Ionian Dolphin Project ist es wichtig, dass mitarbeitende Gäste hier ihren Urlaub verbringen. Einerseits wegen des Geldes, das diese zahlen, andererseits aber natürlich auch wegen der Arbeit, die wir hier übernehmen. Die Forschungsarbeit dient nicht nur der Erhaltung der Delfine sondern sagt auch viel aus über den Zustand unserer Meere. Das ist Urlaub, der auch Sinn macht und ich freue mich auf “meine” Woche mit diesen einzigartigen Meeressäugern.

Joan, der Direktor des Ionian Dolphin Projects erklärt uns, was wir ab dem nächsten Tag zu tun haben, denn das ist keine Touristentour zu den Delfinen. Hier wird wissenschaftlich gearbeitet und unsere Anwesenheit ist nur hilfreich, wenn wir im richtigen Moment wissen, was wir tun haben. Wir erhalten Formulare anhand derer wir im Falle einer Sichtung festhalten müssen, wie viele Tiere wir beobachten, was sie tun, wie lange sie tauchen und noch einiges mehr.

Am nächsten morgen heißt es früh aufstehen, um 8.00 Uhr sitzen wir aufgeregt, aber doch ein bisschen verschlafen in unserem Schlauchboot. Die Müdigkeit ist jedoch sofort verflogen, denn bereits nach drei Minuten ruft Joan laut „9 o’clock, 200 meters”. Sie sind da. Eine Gruppe von 3 Delfinen lässt sich von unserer Anwesenheit nicht stören. Für uns Volunteers bedeutet das volle Konzentration: Wir nehmen die Formulare und die Stoppuhren. Wie lange tauchen die Delfine? Wie oft in der Minute holen sie Luft? Gibt es Seevögel in der Nähe? Sehen wir noch andere Delfine in der Entfernung und kommen diese näher? Viele Fragen, die wir alle fünf Minuten so genau als möglich zu beantworten versuchen.

Währenddessen fotografiert Joan die Delfine. Er erklärt uns, dass man anhand der Bilder die Tiere genau erkennen kann, man nennt das Foto Identifikation (Foto-ID). Im Ambrakischen Golf gibt es ca. 150 Delfine die hier “sesshaft” sind, den Golf also nicht verlassen. Joan kennt sie alle. Die Rückenflossen von Delfinen sind alle unterschiedlich und für Wissenschafter so einzigartig, wie Fingerabdrücke. Er zeigt uns Merkmale und auch wir sehen deutlich die Unterschiede. Ich bin fasziniert von wissenschaftlicher Arbeit – dass das passiert, hätte ich nie gedacht.

DelphinsichtungAuch die nächsten beiden Tage sind geprägt von Delfin-Sichtungen. Nicht immer passiert es nach wenigen Minuten, Geduld gehört auch zur dieser Art Urlaub. Aber in unserem Fall wird sie belohnt, denn wir treffen auf eine Gruppe von 14 Tieren, darunter ein Neugeborenes, noch keine zwei Wochen alt. Joan zeigt uns die Merkmale, anhand derer man das erkennt, Babys haben Streifen an den Seiten, weil sie in der Fötusstellung seitlich zusammengekringelt liegen. Während ich die Tiere beobachte kommen mir Tränen der Rührung. Delfine sind so ruhige, seelenvolle Wesen, ich kann den Moment kaum beschreiben, in dem ein Delfin am Boot vorbei schwimmt und mich anschaut (!). Dieser Blick geht bis ins Herz.

Plötzlich werden die Tiere aktiv, schwimmen schneller und scheinen ein Ziel zu haben. Sie haben einen Schwarm Sardinen aufgebracht und versuchen, sich den Bauch voll zu schlagen. Diese 10 Minuten werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen. Joan stellt den Motor ab, das Meer beginnt zu brodeln. Rund um uns springen, flüchtende Sardinen, die Delfine drehen sich mit dem Bauch nach oben um mit ihren Seitenflossen die Beute an die Oberfläche zu drängen, andere schnappen Sardinen direkt vor unseren Augen. Möwen fliegen herbei und gehen ebenfalls auf die Jagd. Obwohl es eigentlich still ist, ist es zugleich unglaublich laut. Das Schreien der Möwen, das aufgeregte Atmen der Delfine (man hört jeden einzelnen Atemzug), das Platschen der Wellen und der jagenden Delfine am Wasser.

Allein für dieses Erlebnis hat sich die Reise gelohnt.

Am letzten Tag unseres Forschungsurlaubs fahren wir ans Ionische Meer in die Nähe von Lefkada. Wir wollen versuchen, eine andere Delfinart, nämlich sogenannte „Gemeine Delfine“ und Mönchsrobben zu sehen, letztere sind die am stärksten vom Aussterben gefährdete Meeressäugerart. Wir werden heute länger auf See sein als sonst und müssen noch genauer Ausschau halten. Es ist auch für Joan ein besonderer Tag, denn Gemeine Delfine, die wir heute gerne finden würden, sind in Griechenland sehr selten geworden, ein klares Zeichen der Überfischung, wo es keine Nahrung gibt, dort gibt es auch weniger Gemeine Delfine.

Über eine Stunde sitzen wir im Boot und suchen die Umgebung ab, aber im Inneren Ionischen Meer scheint es kein Leben mehr zu geben. Wir sehen keine Schildkröte, keinen springenden Thunfisch, keine Delfine und auch nur wenig Möwen. Das Meer scheint eine Wüste zu sein.

Wir nähern uns einer kleinen Insel und plötzlich entdecke ich etwas. Ich sehe einen Kopf – Mönchsrobbemöglicherweise – vielleicht ist es aber auch nur ein Stück Holz. Joan steuert das Boot zügig aber vorsichtig in Richtung dieses Etwas. Dann flüstert er: “It’s a monkseal!” Wir haben tatsächlich eine Mönchsrobbe gefunden! Sogar Joan ist beeindruckt. Er arbeitet seit 20 Jahren hier und hat selbst erst vier Mal Mönchsrobben gesehen. Da, plötzlich hebt eine zweite Robbe ihren Kopf und dann noch eine dritte. Und wieder bin ich gerührt. Drei Mönchsrobben auf einmal hat auch Joan, unser aller “Boss”, noch nie gesehen. Ich fühle mich privilegiert.

Mönchsrobben sind vorsichtig und neugierig zugleich. Sie schauen ganz lange in Richtung Boot, so als würden sie sich denken: “Was ist das denn?” Sie sind süß, haben große, dunkle Augen und sie sind selten. Unglaublich ist auch, mit welchem Tempo sie verschwinden, wenn sie erst einmal tauchen. Lange durften wir sie beobachten, aber lange beobachteten auch sie uns.

Einerseits befriedigt wegen der Mönchsrobben, andererseits beunruhigt wegen des Nichtvorhandenseins von anderen Meereslebewesen fahren wir nach Hause.

Das letzte gemeinsame Abendessen nehmen wir am Strand ein. Wir lachen viel, aber es ist auch zu spüren, dass die Zeit zu schnell vergangen ist. Die gemeinsamen Erlebnisse, die wunderbaren Augenblicke mit den Delfinen und die gemeinsame Arbeit hat uns zusammen geschweißt. Ab morgen sind wir wieder zuhause und werden es weitererzählen: Fahrt dort hin, liebe Freunde. Wenn ihr Delfine liebt und sie erleben wollt, dann rate ich euch nach Vonitsa oder nach Ligurien zu reisen.

Zuhause angelangt lese ich Berichte über die Pläne der Ölindustrie nun verstärkt im Mittelmeer nach Öl zu suchen. Vor den Balearen, aber auch in der Adria, vor Kroatien, wo ich vor vielen Jahren meine ersten Delfinsichtungen hatte. Das geht nahe und mein Bild von einem intakten Lebensraum gerät ins Wanken. Auch die OMV ist an den Plänen beteiligt. Bleibt die Hoffnung, dass die Öffentlichkeit und vielen engagierten Organisationen Gehör finden, die Wale und Delfine und deren Lebensraum schützen wollen und sich gegen Konzerninteressen stemmen. Letztendlich ist auch für den Menschen nur ein gesundes Meer von Nutzen.

Tethys: http://www.tethys.org/tethys/join-us/

Oceancare: http://oceancare.org/de/projekteundkampagnen/walunddelphinforschung/