Bled, Slowenien: Mittwoch, 8.6.2016

Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich sei nicht nervös: Heute ist der World Oceans Day, von den Vereinten Nationen ausgerufen, um der Bedrohung des wichtigsten und sensibelsten Lebensraumes zu gedenken. Zugleich stehe ich heute aber auch vor einer neuen Aufgabe. Noch bis zum 19. Juni tagt in Bled, einem idyllischen Städtchen in der slowenischen Provinz, der Wissenschaftliche Ausschuss der Internationalen Walfangkommission IWC – und ich bin eingeladen worden, um als Naturschutzbiologin die verschiedenen Arbeitsgruppen beratend zu unterstützen.

Es ist eine spannende Aufgabe: Obwohl ich auch Repräsentantin von OceanCare bin, trete ich in erster Linie als Wissenschaftlerin auf und orientiere mich strikt an den Fakten. Mit anderen Worten: Ich muss meinen OceanCare-Hut zugunsten des Doktorhutes ablegen. Ich darf mich, wenn an den Tagungen kontroverse Debatten geführt werden, nicht von meinen emotionalen Vorbehalten gegenüber den Vertretern des Walfangs leiten lassen.

Heute Morgen wurden die ersten vorbereitenden Gespräche für die Arbeit in den Ausschüssen geführt. Dabei wurde einmal mehr klar, dass es sowohl Vertreter gibt, die den Walfang unterstützen als auch solche, die den Schutz der Wale in den Vordergrund stellen.

Ich werde mich zunächst auf die Vorbereitung eines Berichts konzentrieren, den ich zusammen mit weiteren Autorinnen verfasst habe und vortragen werde; er befasst sich mit Kleinwalen, die vor Afrikas Westküste zumeist als Beifang in die Netze geraten und als so genanntes „Bushmeat“ in den Handel und auf die Teller gelangen. Wir wollen konkrete Massnahmen zur Vermeidung derartiger Tragödien diskutieren.

Nach den interessanten und zweifellos auch kontroversen Debatten freue ich mich aufs Abendessen in einem der gemütlichen slowenischen Lokale. Da sind die regierungsunabhängigen Organisationen, zumeist NGOs, die sich für den Schutz der Wale einsetzen, unter sich. Und da werden wir dann auch die Gelegenheit wahrnehmen, die Gläser zu erheben – und auf den World Oceans Day anzustossen.


Dr. phil. nat. Silvia Frey studierte an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften und doktorierte an der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel. Sie ist Leiterin Wissenschaft und Bildung bei OceanCare.