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Applaus erfüllt den mit etwa 2‘000 Personen gefüllten Konferenzraum. Vertreter von 130 Staaten, internationalen und regionalen Organisationen sowie unterschiedlichen Interessensgruppen haben sich versammelt. Ich mittendrin, ebenfalls applaudierend. Ein Antrag, eine vom Aussterben bedrohte Tierart in Anhang I der Bonner Konvention zu listen, wurde soeben angenommen. Dies bedeutet, dass für diese Art von nun an der höchste Schutzstatus gilt und sie nicht mehr bejagt oder der freien Wildbahn entnommen werden darf. Sie können das Wort „Tierart“ mit tatsächlichen Artnamen ersetzen, wie z.B. „Jaguar“, „asiatischer Elefant“, „Weißspitzen-Hochseehai“, „Antipoden-Albatros“ oder „Hindutrappe“.

So geschehen bei der 13. Vertragsstaatenkonferenz der Bonner Konvention (CMS) am 20. Februar dieses Jahres, in Gandhinagar, Indien. Es sind positive und aus meiner Sicht richtige Beschlüsse, aber trotzdem überkommt mich ein seltsames Gefühl. Irgendetwas ist hier falsch. Wir beklatschen einen Beschluss, der bestätigt, dass der Bestand dieser Tierarten signifikant zurückgegangen ist, dass sie nun stark gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sind.

Zweifelsohne besteht die Absicht des Antragsstellers und der Unterstützer darin, eben diese Arten zu schützen, und doch wirft das die Frage auf, ob wir nicht in den vergangenen Jahrzehnten einem vollkommen falschen Ansatz hinterhergelaufen sind? Wir haben ein Artenschutzkonzept kreiert, das den Bestand von Arten schätzt, berechnet, zählt aber Arten erst dann strengen Schutz gewährt, wenn diese massiv dezimiert sind und als „stark gefährdet“ eingestuft werden. Kriterien sind zum Beispiel ein Populationsrückgang von mindestens 50% innerhalb der letzten 10 Jahre oder über drei Generationen, oder ein abnehmender Bestand mit weniger als 2‘500 reproduktionsfähigen Individuen.

Dieses Konzept leitet die internationale Artenschutzpolitik seit – mindestens – den 1970er Jahren. Das Ergebnis ist eine Art lebende, museale Sammlung verbleibender Kleinstgruppen und fragmentierter Populationen, deren langfristiger Bestand allein aus biologischen Gründen höchst zweifelhaft ist. So hat sich zum Beispiel der bereits in den 1930er Jahren kommerziell ausgerottete Bestand des Nördlichen Glattwals bis heute nicht erholt, obwohl er seit damals nicht mehr bejagt wurde. Zu vielfältig sind die Gefahren, zu langsam die Reproduktion dieser Waltiere und zu klein ihre Restpopulation.

Im vergangenen Jahrzehnt waren wir Zeugen des Niedergangs des kleinsten Wals der Welt, des Vaquita, vor Mexiko. Von Jahr zu Jahr gab es weniger Vaquitas, mit dem Effekt, dass nun Dokumentationen die seit zwei Jahrzehnten bekannte Problematik erzählen. Fein, dass jetzt auch die Prominenz das Wort ergreift. Während die Geschichte des Vaquita Schlagzeilen macht, versuchen wir – die Zivilgesellschaft – bei der Artenschutzkonferenz die Staaten zu überzeugen, weit mehr als bisher zu unternehmen, um dem Indus- und Ganges-Flussdelfin, dem Irawadi-Delfin, dem Atlantischen Buckeldelfin, dem Schweinswal in der Ostsee und vielen mehr „das Schicksal des Baiji, des ausgestorbenen Yangtse-Flussdelfins, und des ihm folgenden Vaquita zu ersparen“.

Der Trend des Artensterbens gleicht einer ungebrochen beschleunigten Talfahrt, zuletzt bestätigt in dem 2019 veröffentlichten IPBES-Bericht. Die Anzahl der Arten, die in die Anhänge der einzelnen internationalen und regionalen Schutzabkommen aufgenommen werden, übersteigt bei weitem jene, deren Bestände sich erholten oder die sogar aus den Anhängen entfernt werden konnten. Diese Tatsache drängt uns noch stärker dazu, den Erfolg in der Listung einzelner Arten zu suchen und zu hoffen, dass dieser Schutzstatus das endgültige Verschwinden verhindert.

Es ist zum System geworden. Fast hat es den Anschein, dass wir die Verantwortung an ein abstraktes Konzept abgeben und dadurch unser Gewissen beruhigen, wissend, dass wir an der wahren Herausforderung, unser Wirtschaftssystem und Lebensweise zu ändern, meist (zum Glück nicht immer) scheitern.

Wo ist das laute „STOP“? Dieses „Konzept des Artenschutzes“ ist überholt und hat versagt. Der einzige Ausweg liegt in der fundamentalen Umkehr der Zielsetzung, nämlich Arten und ihren Lebensraum in ihrer Blüte zu schützen. Das Schwinden des Lebensraums, das in den Schutzanträgen so oft als Hauptursache für den Artenrückgang identifiziert wird, ist die Folgewirkung der Rahmenbedingungen, die meist ein Wechselspiel zwischen Entscheidungsträgern (Regierung und Verwaltung) und Privatwirtschaft sind. Jene Gemeinden, die am stärksten vom Artensterben und der Zerrüttung der Ökosysteme betroffen sind, sind fernab der Verhandlungsräume.

Ja, ich spüre schon die aufkommenden Argumente der Arbeitsplatzsicherung um am „Business as usual“ festzuhalten. In Wahrheit sind diese Argumente jedoch Luftblasen, denn eine systemische Umkehr, die den Begriff Nachhaltigkeit mit Inhalt und Leben füllt, würde eine Koexistenz – Mensch und intakte Natur – durchaus ermöglichen. Die Konsequenz wäre jedoch, dem „Business as usual“ abzuschwören.

Nehmen wir den marinen Lebensraum als Beispiel: Eine vollständige, sofortige Abkehr von der Ölsuche und somit vom grössten Lärmverschmutzer wäre kein wirtschaftliches Fiasko, sondern im Gegenteil, eine stimmige Unterstützung der Energiewende, die mehr Jobs schafft als vernichtet. Die Einstellung der Subventionen für die industrielle Fischerei würde zu keinem Nahrungsengpass führen. Der Fischkonsum durch die Industriestaaten würde durchaus reduziert, aber die Lebensgrundlage der Fischereigemeinden in den Küstengebieten West- und Ostafrikas, Südostasiens und des mediterranen Raums würde gesichert und die Jagd auf gefährdete Arten zurückgedrängt. Denn die Nahrungsknappheit infolge Überfischung durch internationale Fangflotten, ist eine der Hauptursachen dieser Jagd. Vorschläge für konkrete Lösungen füllen Berichte und Bücher und sind alles andere als eine Mangelware. Was es braucht, ist ein Ausbruch aus der Lethargie.

In gerade dieser Lethargie, die man erfährt, wenn man selbst „Teil des Systems“ geworden ist, liegt die Erklärung der Angst des Establishments vor der Jugend, die sich gerade erhebt und eine längst überfällige Protestbewegung in Gang zu bringen versucht, die nicht nur Potential hat, sich in allen Erdteilen zu entwickeln, sondern alternativlos geworden ist.

Ich sehe eine Analogie zur Situation am Klimagipfel (Climate Action Summit) im September 2019 in New York als eine junge Frau, Greta Thunberg, ihre bereits Kult gewordene Wutrede hielt. Die Worte „How dare you …“ kamen zornig aus ihrem Mund. Gefolgt von einer Anklage an das Versagen, Tränen der Verzweiflung unterdrückend. Als sie die ihr zugewiesene Zeit aufgebraucht hatte, folgte tosender Applaus. Applaus von wem? Von Entscheidungsträgern, die die Rahmenbedingungen nationaler und internationaler Politik bestimmen, jene, die es nicht schaffen, die Privatwirtschaft in Bahnen zu lenken, die eine Trendumkehr ermöglichen.

Applaus von jenen, die gerade mitangeklagt wurden. Ich bin sicher, dass die meisten der Applaudierenden es trotzdem irgendwie ernst meinten und persönlich im Inneren emotional ergriffen waren.

Doch mit Verlassen des Raumes werden wir von der Lethargie ergriffen, von der Maschine, die sich dreht und diesen Planeten zermalmt. Was die Zukunft der Bewohner der Lüfte, Meere, Wälder und Steppen betrifft, ist mir der Ausweg klar geworden: der Vollzug eines Wertewandels im Artenschutzkonzept, der zum Ziel hat, gesunde, sich entwickelnde Artenbestände und funktionierende Ökosysteme zu garantieren, das Individuum zu schützen, eine ambitionierte Raumplanung zu ermöglichen sowie eine ehrliche Kreislaufwirtschaft zu schaffen, die auf einem anderen Ressourcenmodell und -verständnis basiert. Alles ist miteinander verbunden und steht in wechselseitiger Wirkung zueinander. CONNECTIVITY. Das stimmige Schlagwort der letzten Artenschutzkonferenz (CMS) in Indien. Die mutige Abkehr vom „Business as usual“ ist alternativlos.

 

Nicolas Entrup, Ocean Policy Expert bei OceanCare

Nicolas Entrup, Ocean Policy Expert bei OceanCare

Nicolas Entrup arbeitet seit mehr als 25 Jahren im Bereich des internationalen Meeresschutzes.