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Gedanken anlässlich des 9. Jahrestages der Deepwater Horizon Katastrophe

Am 20. April 2010 hielt die Weltöffentlichkeit den Atem an. In einer Tiefe von etwa 1500 Metern kam es durch intensiven Druckanstieg zu einem unerwarteten Austritt von Öl und Gas, das sich entzündete, zu einer Explosion führte und eine Ölbohrinsel im Golf von Mexiko in Brand steckte. Elf Menschen liessen unmittelbar ihr Leben. In den folgenden Wochen strömten mehr als 700 Millionen Liter Öl ungehindert ins Meer. Beteuerungen der für die Deepwater Horizon Bohrinsel Verantwortlichen der Ölfirma British Petroleum (BP), alles zu unternehmen, um die Ölkatastrophe zu stoppen, wurden begleitet von den Bildern verendender Seevögel, Delphine und anderer Meerestiere. Die Welt war Zeuge der vollständigen Hilflosigkeit der verantwortlichen Firma, die kaum eine Möglichkeit fand, das in der Tiefsee verursachte Problem zu lösen.

Ähnlich hilflos verlief der Versuch ein Jahr zuvor, das Ölleck der Montara Bohrinsel in der Timor See, nordwestlich von Australien zu schliessen. Monatelang floss das „schwarze Gold“ ungehindert ins Meer, gefolgt von Chemikalien, die Einsatzkräfte über dem Meer verstreuten, um das Öl zunächst zu binden und es in kleine Teilchen zu zersetzen. Millionen von Litern dieser Chemikalie – dem Dispersionsmittel Corexit – wurden auch im Golf von Mexiko eingesetzt, um vor allem optisch die Katastrophe verschwinden zu lassen.

Die Folgen der Deepwater Horizon Katastrophe waren sowohl unmittelbar, aber auch langfristig. Betroffen war der gesamte Lebensraum tausender Arten, darunter Fische, Vögel, Korallen, Weichtiere, Reptilien, Krebse und Meeressäuger, aber auch Plankton und ein Küstenstreifen von mehr als eintausend Kilometern Länge.

Lippenbekenntnisse mit Ablaufdatum

In Reaktion auf eine aktuelle Katastrophe gibt es meist auch viel Arbeit in den Kommunikationsabteilungen von Regierungen und zuständiger Ministerien. Verhängte der damalige US-Präsident Obama ein Tiefseebohrverbot, das wenige Monate später wieder aufgehoben wurde, so konkurrierten insbesondere europäische Entscheidungsträger mit Forderungen nach einem ebensolchen Tiefseebohrverbot. Die Nachhaltigkeit solcher Forderungen ist leider in den meisten Fällen so nachhaltig, wie der Begriff der Nachhaltigkeit, der selbst über die Jahre hinweg so abgenutzt wurde, das von dem Begriff mehr Worthülse als Inhalt geblieben ist.

Blicken wir also neun Jahre später ins Mittelmeer. Die Ölindustrie sucht mit Schallkanonen, die für die marinen Lebewesen von grosser Gefahr sind, in weit tieferen Gewässern, als jene im Golf von Mexiko wo sich die Katastrophe der Deepwater Horizon ereignete. Der hellenische Graben vor Griechenland ist mit bis zu 5000 Metern Tiefe Lebensraum für tieftauchende Pottwale und Schnabelwale. Die griechische Regierung erhofft sich durch die Freigabe des Gebietes zur Erschliessung, rasch an Devisen zu gelangen. In sämtlichen anderen Regionen des Mittelmeeres wird ebenfalls nach Öl gesucht. Doch OceanCare arbeitet mit der Zivilgesellschaft in vielen Regionen zusammen, um für einen anderen Weg des Umgangs mit der Natur zu werben. Und dazu zählt auch der Einsatz für eine Wende in der Energiepolitik.

Die Interviews und Pressemitteilungen mit Forderungen nach einem Tiefseebohrverbot sind längst vergessen, wäre da nicht das Pariser Klimaabkommen, mit dem sich die Regierungen eigentlich auf eine Wende in der Energiepolitik verständigt haben. OceanCare hat in einem aktuellen Bericht REDUCE THE NOISE daran erinnert und eine Abkehr von der Suche nach neuen Ölquellen gefordert. Es braucht eine Phase-Out Strategie und die Unterschutzstellung wichtiger Lebensräume, beginnend mit der Tiefsee. Für diese Forderungen stehen wir: gestern, heute und morgen und werden nicht locker lassen, solange bis wir unser Ziel erreicht haben.

Wir schulden es den Meerestieren

Wehmütig erinnere ich an die Hunderttausenden Seevögel, die beim Eintauchen bei der Jagd nach Nahrung, ihr Federkleid mit Öl verklebten, um später grauenvoll zu verenden, Delphinpopulationen, die nun eine höhere Jungtiersterblichkeit aufweisen, Seekühe und Meeresschildkröten, deren Lebensraum zerstört wurde. Es ist ein sehr hoher Preis, den Lebewesen für den verantwortungslosen Umgang mit dem Lebensraum Meer durch uns Menschen zahlen. Ein zu hoher Preis.

In diesem Zusammenhang finde ich den zunehmend immer stärkeren Protest der Jugendlichen für eine aktive Klimaschutzpolitik erfrischend, wichtig und unverzichtbar und möchte die Jugend in Ihrem Engagement bestärken. Eine weitere Deepwater Horizon Katastrophe darf es nicht geben. Und um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es der Bündelung des Engagements und der Kräfte, in politischen Foren, als auch in unserem alltäglichen Leben.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Präsidentin, OceanCare

Sigrid Lüber ist Gründerin und Präsidentin von OceanCare