New York, Dienstag, 6. Juni 2017

Kurz vor sieben meldete sich das Smartphone. Zwischen Schlafen und Wachen, wenn die Bewusstseinsebenen einander begegnen, dringen die Geräusche aus der Aussenwelt aus weiter Ferne ins Bewusstsein. Dann erkannte ich Veras warme Stimme. Sie wisse schon, dass es hier in New York noch recht früh sei, sagte unsere Geschäftsführerin, die in Wädenswil, auf der anderen Seite des Atlantiks, die Stellung im OceanCare Büro hält. Das Schweizer Fernsehen, fährt sie fort, wolle einen O-Ton aus New York, ob ich mir Zeit nehmen könne für ein Interview, die 10vor10-Redaktion dränge auf eine rasche Antwort, es sei wirklich dringend. Dringend ist vieles, habe ich mir gedacht – und für die Meere ist es fünf vor zwölf. Ob ich das 10vor10 so sagen soll?

Die Zeit, die man sich nimmt, muss man an einer Konferenz, die so eng getaktet ist, immer jemand anderem wegnehmen. Und das Meeting mit den Leuten vom Internationalen Seerechts-Abkommen, das für heute Morgen vereinbart worden war, hat für mich allerhöchste Priorität. Wir arbeiten schon seit 2004 daran, dass die Unterwasserlärmverschmutzung als Thema für den jährlich stattfindenden Konsultativprozess gewählt wird. Nun ist es soweit: Die Leitung des Seerechtsabkommens (UNCLOS), die unsere Arbeit nun mehr als eine Dekade mitverfolgt hat, möchte unsere Beratung für die Planung der Paneldiskussionen und Elemente, die es im jeweils einwöchigen Konsultativprozess zu berücksichtigen gilt. Der Unterwasserlärm ist mir ein Herzensanliegen; denn dieser verdrängt, verletzt und tötet Wale und Fische und andere Meereslebewesen.

Auf der anderen Seite bin ich froh, dass die Schweizer Medien die Bedeutung dieser UNO-Konferenz erkannt haben und der New-York-Korrespondent von SRF 10vor10 sogar an den Standort der UNO kommt. Die Sicherheitsvorkehrungen hier sind massiv, das Konferenzzentrum ist nur für die Teilnehmer zugänglich. Um halb elf, ausserhalb der Sicherheitskontrolle vor dem Eingang zum UNO-Gelände, erwartete mich 10vor10-Reporter Thomas von Grüningen mit seinem Kameramann zum Interview. Der sympathische Journalist stellt gescheite Fragen, die das Interview zu einem interessanten Gespräch werden lassen. Es ist mir klar, dass nicht das ganze Interview ausgestrahlt werden wird, sondern nur ein bis zwei Aussagen. Dies ist dann auch der Fall, jedoch freue ich mich sehr, dass viele meiner Antworten in die Moderation integriert wurden. Unter anderem auch die Absichtserklärung von Kanada, Pflegeprodukte, die Mikroplastik enthalten, bis Mitte 2018 zu verbieten, weil diese ungefiltert ins Abwasser und damit in den Ozean gelangen.

Ich hätte mir aber gewünscht, dass meine Bemerkung über die nächste Woche im Nationalrat zur Verhandlung anstehende Motion für ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika aufgegriffen worden wäre. Dies wäre nämlich ein konkreter Beitrag der Schweiz für den Schutz der Ozeane gewesen. Mittlerweile wurden über 850 freiwillige Beiträge auf der Ocean Conference Homepage registriert, darunter auch fünf Commitments von OceanCare. Nach einem Commitment der Schweiz sucht man auf der Homepage (noch) vergeblich.

In der kurzen Mittagspause zwischen Partnerdialog und einem Side Event, höre ich wundervolle warme und schöne Stimmen von Frauen und Männern, die mich unweigerlich in den Bann ziehen. Ich folge dem schönen Gesang und gelange in die grosse Eingangshalle, wo ein rund 30-köpfiger Chor aus Fidschi ein Konzert gibt. Gerade singen sie ein Lied von der Liebe zu den Bergen und den Ozeanen. Ich bin tief berührt und wie immer, wenn ich das bin, muss ich die Tränen zurückhalten. Ich will schliesslich nicht, dass die Menschen, die um mich herum stehen denken, ich sei traurig, wenn es eigentlich Tränen des Glücks wären. Die Gesänge der Polynesier erinnern mich an eine Zeit, in der ich mit einer Frauengruppe Ukulele gespielt und Hawai’i Lieder gesungen und Hula getanzt hatte. Ich denke an die Worte des aus Fidschi stammenden Co-Präsidenten der Ocean Conference, der in seiner Eröffnungsrede gesagt hatte: Wir sind die Ozeane. Ja, das sind wir und ganz bestimmt ist die gute Energie des Gesangs in den Ozeanen angekommen. Und wer weiss, vielleicht nehme ich sie zum Anlass, meine Ukulele wieder einmal hervorzunehmen …

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber, Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit nimmt mit Fabienne McLellan und Joanna Toole an der UN #SaveOurOcean Konferenz teil. Sie berichtet regelmässig aus New York über den Verlauf der Konferenz.