Manchmal lernt man an diesen internationalen Meetings schwer belehrbare Menschen kennen, die es einfach nur gut meinen. Zum Beispiel der Kellner, der uns am ersten Abend der ACCOBAMS-Tagung bediente. Die Teilnehmer waren von der monegassischen Regierung zum Welcome-Dinner im Yacht-Club geladen – eine sehr ehrwürdige Institution, ein sehr gediegener Anlass, Luxus ohnegleichen überall. Und die Speisekarte voller erlesener Köstlichkeiten – Steaks, Hummer, Muscheln, Fischspezialitäten aller Art. Selbst der Vorspeisensalat war ohne Getier nicht zu haben.

„Nous sommes des végetariens“, erklärte ich dem Kellner. Ob er denn auch etwas ohne Fleisch habe, Reis zum Beispiel, mit etwas Gemüse …

Selbstverständlich, sagte der Mann. Und brachte Früchte.

Es waren allerdings Meeresfrüchte – und so habe ich mich mit einem Risotto zufrieden gegeben.

Die letzten Tage waren intensiv und wollten kein Ende nehmen. Dennoch fühle ich mich morgens durchaus fit: Die Zufriedenheit überwiegt; denn das Glücksgefühl ist grösser als die Müdigkeit. Als Repräsentantin von OceanCare, der führenden Organisation im Kampf gegen den Lärm im Meer, erlebe ich, wie die vielen schlaflosen Stunden zu viel versprechenden Resultaten führen.

Im Bestreben, das Mittelmeer wieder zu einem lärmberuhigten Lebensraum werden zu lassen, haben wir bis weit nach Mitternacht am Wortlaut einer umfangreichen Resolution gearbeitet. Zu den Massnahmen, die wir empfehlen, den Forderungen, die wir stellen, und den Anregungen, die wir geben wollen, gehören – und hier will ich nur ein paar Stichworte aus der langen Liste anführen – diverse Umweltverträglichkeitsprüfungen, Workshops zum Thema Lärmbekämpfung, aber auch und nicht zuletzt die Bereitschaft zum Dialog mit der NATO.

Nachdem gestern der Entwurf der Resolution besprochen wurde, ist sie heute noch offiziell verabschiedet worden. Das ist eine weitere Bestätigung einer Entwicklung, die mich mit Freude und Stolz erfüllt. Komplimente und Respektbezeugungen, die mich von unterschiedlichen Seiten erreichen, von Partner-Organisationen ebenso wie von Regierungsvertretern, machen deutlich, dass OceanCare in internationalen Gremien eine tonangebende Rolle spielt – auch bei ACCOBAMS: Wenn wir uns zu Wort melden, wird unsere Stimme gehört. Und vor allem: Sie wird ernst genommen.

Das Beispiel der Schnabelwale, die in den Jahren 2011 an sizilianischen und 2015 an griechischen Küsten im Ionischen Meer in grosser Zahl strandeten und kläglich verendet sind, veranschaulicht die Problematik: Erst die Biopsie der Kadaver lieferte den Beweis, dass die Tiere an der sogenannten Taucherkrankheit gestorben sind: Die hochsensiblen und bedrohten Schnabelwale haben nicht gerade das beste Nervenkostüm; wenn sie irritiert sind, geraten sie in Panik, tauchen hektisch auf – und rasch wieder ab. Dadurch bilden sich die tödlichen Luftblasen im Blut.

Warum aber waren sie so in Panik geraten? Nachforschungen haben ergeben, dass exakt zu jener Zeit in den besagten Meeresgebieten NATO-Manöver durchgeführt worden waren und dabei die todbringenden Sonar-Schallwellen zum Einsatz gekommen sind.

Derlei Aktivitäten unterstehen strenger Geheimhaltung – und weil die nationale Sicherheit gegenüber den Bedürfnissen des Tierschutzes stets Vorrang hat, bleibt uns nichts übrig, als beharrlich auf diese Fakten hinzuweisen. Besonders aufschlussreich war in diesem Zusammenhang die Wortmeldung des griechischen Delegierten, der deutlich zu verstehen gab, dass wir, anstatt Briefe zu schreiben, auf die Militärs zugehen und mit ihnen in einen Dialog treten sollen, beispielsweise mit einem Workshop. Das pikante Detail daran: Der Mann weiss, wovon er spricht – er vertritt nämlich nicht nur die griechische Regierung. Er ist auch ein Vertreter der Navy!

Nicht nur die Lärm-Resolution ist an diesem Morgen diskussionslos verabschiedet worden. Das Gremium hat eine weitere Resolution abgesegnet, die das Schicksal des Gewöhnlichen Delphin mit der dringenden Forderung verbindet, die längst definierten Schutzmassnahmen in zahlreichen Gebieten des Mittelmeeres endlich auch umzusetzen. Allerdings waren für diese Resolution zwei eindringliche Interventionen erforderlich sowie die Formulierung entsprechender Paragraphen. OceanCare wird sich dafür einsetzen, dass den Worten auch Taten folgen.

Heute Abend findet die ACCOBAMS-Tagung in Monaco ihren Abschluss; für OceanCare geht ein Jahr zu Ende, das so reich war an internationalen Meetings und Konferenzen – vom Dolphinity-Festival in Teneriffa über die UNO-Konferenz in New York und die IWC-Tagung in Slowenien bis hin zum ACCOBAMS-Jubiläumsmeeting in Monaco waren VertreterInnen von OceanCare im Dienste der Meere und ihrer Lebewesen unterwegs.

Denn es war stets und wird immer unser Bestreben bleiben, das Übel an der Wurzel zu bekämpfen – und nicht lauthals über Symptome zu klagen. Die beharrliche und stille Überzeugungsarbeit auf der diplomatischen Ebene ist vielleicht nicht so spektakulär, aber sie führt auf die Dauer eher zum Erfolg als lautstarker Aktivismus. Wir wollen unseren Fortschritt mit vielen kleinen, aber sehr konkreten Schritten erzielen.

Im Wissen, dass wir diese Arbeit nur dank der Treue und der wertvollen Unterstützung unserer Mitglieder und GönnerInnen leisten können, haben wir in diesem Jahr begonnen, Sie alle über diesen Blog hautnah an unseren Abenteuern und Erlebnissen teilhaben zu lassen.

Und das wollen wir auch im kommenden Jahr so halten.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare

Sigrid Lüber berichtet von der 6. Walschutzkonferenz der Anrainerstaaten des Mittelmeers und Schwarzen Meeres

ACCOBAMS