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Draško, Du forschst seit zwei Jahrzehnten an den Walen und Delfinen in kroatischen Gewässern. Welche Sorgen bereiten Dir die jüngst durchgeführten seismischen Aktivitäten?

Draško Holcer, a researcher working for the Blue World Institute of Marine Research and Conservation

Die Auswirkungen von seismischen Untersuchungen auf Wale und Delphine lassen sich in zwei Hauptformen unterteilen: Zum einen sind das direkte Verletzungen, also akute physische Schäden durch den Schall. Das reicht von kurzfristigen über langfristige bis zu tödlichen Verletzungen. Der andere Aspekt ist die Störung, die vielerlei Konsequenzen für die Individuen und die Populationen haben kann. Todesfälle sind natürlich die auffälligste Folge starker Schallemissionen im Meer, aber ich halte die nicht-tödlichen Verletzungen und die langfristigen Störungswirkungen für mindestens ebenso besorgniserregend. Wale und Delphine zum Beispiel hängen von ihrem Gehörsinn ab. Wenn ihr Gehör beschädigt ist oder sie durch Ohrenverletzungen ertauben, dann ist ihre Überlebensfähigkeit im Meer herabgesetzt und das beeinflusst langfristig auch die Populationen. Ausserdem führen Störungen zu Vertreibung und zur Änderung von Wandermustern, oder auch zu Änderungen in der Verbreitung der Beutetiere. Tiere, die daher ihre bevorzugten Lebensräume verlassen müssen, können in Gebiete kommen, die schon von anderen Gruppen bewohnt sind. Das führt zu direkter oder indirekter Nahrungskonkurrenz oder sogar zu Aggression zwischen den Gruppen. Neugeborene und junge Tiere können dem Stress zum Opfer fallen, es kann zu Nahrungsknappheit kommen und Energie wird für zusätzliche Wanderungen verbraucht, um die von seismischen Aktivitäten betroffenen Gebiete zu meiden. Das führt wiederum zu Erschöpfung und anderen möglichen physiologischen Belastungen. Auch das kann langfristige Auswirkungen auf den Fortbestand der Art haben.

Alle diese Aspekte und weitere mögliche Auswirkungen sollten mit anderen Daten kombiniert werden, um daraus Vorschreibungen und mögliche Minderungsmassnahmen abzuleiten. Das sollte im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vor Beginn der seismischen Untersuchung erfolgen. Das war leider nicht der Fall, was auch rechtliche Folgen nach sich ziehen könnte, je nach rechtlicher Position des Staates und seinem Bekenntnis zu regionalen und internationalen Übereinkommen.

Über welchen Zeitraum wurden die seismischen Erhebungen durchgeführt? Wurden seismische Aktivitäten auch innerhalb oder in der Nähe von Schutzgebieten durchgeführt?
Grafik Seismik KroatienDie seismische Untersuchung begann am 7. September 2013 und endete nach meinem Kenntnisstand am 21. Januar 2014. Sie betraf den gesamten äusseren Bereich der kroatischen Hoheitsgewässer und die kroatische Ausschliessliche Wirtschaftszone. Im Zuge der Untersuchung befuhr das Schiff einige designierte SACs (Special Areas of Conservation; zukünftige Natura-2000-Gebiete) oder ihre unmittelbare Umgebung (Abstand von ein paar hundert Meter bis zwei Kilometer). Zwei dieser Gebiete, entlang der Küste Istriens in der nördlichen Adria sowie um die Insel Vis in der zentralen Adria, wurden als SACs für Grosse Tümmler nominiert.

Wir wissen, dass Cuvier-Schnabelwale besonders anfällig für intensiven Lärm sind. Leben Cuvier-Schnabelwale in kroatischen Gewässern und sind sie von den Untersuchungen betroffen?
Unsere bisher veröffentlichen Untersuchungen deuteten darauf hin, dass die südliche Adria ein wichtiges Gebiet für Cuvier-Schnabelwale sein könnte. Ausserdem führte das Blue World Institute zusammen mit dem Institute for Environmental Protection and Research ISPRA in Rom zwei Zählungen von Walen, Delphinen und Meeresschildkröten aus der Luft durch (2010 und 2013). Diese beiden Untersuchungen bestätigten etliche Sichtungen von Cuvier-Schnabelwalen (sogar mit Kälbern). Da die seismischen Untersuchungen auch in den tiefsten Bereichen der südlichen Adria durchgeführt wurden, können wir annehmen, dass auch Cuvier-Schnabelwale, die in diesem Gebiet vorkommen, betroffen waren. Allerdings kenne ich keine Berichte von Strandungen aus den angrenzenden Gebieten.

Weisst Du, ob vor den Aktivitäten Wissenschaftler konsultiert wurden und ob geeignete Massnahmen vorgeschrieben wurden, um negative Auswirkungen auf die Meerestiere anzuhalten?
Das Umweltschutzministerium vertrat die Ansicht, dass eine UVP nicht nötig sei. Ich weiss zwar nicht, ob eine solche Studie die möglichen negativen Folgen der seismischen Untersuchungen verhindert hätte, aber ich bin überzeugt, dass wir (bei korrekter Durchführung der Studie) zumindest eine Liste an möglichen Folgen, nicht nur für Wale und Delphine, sondern auch für andere Meereslebewesen, bekommen hätten.

Was sind Deine Hauptsorgen in diesen Zusammenhang?
Besonders bekümmert mich, dass die möglichen Folgen nicht behandelt wurden, mögliche Milderungsmassnahmen nicht diskutiert wurden, und schliesslich auch keine Informationen über den Populationsstatus vor Beginn der Untersuchungen erhoben wurden. Daher wird es uns nicht möglich sein, die Folgen zu beurteilen. Auf Basis unserer Forschungen in der Adria werden wir versuchen, unsere Erhebungsergebnisse mit unserer zukünftigen Arbeit zu vergleichen. Aber es muss sich erst zeigen, ob es uns möglich sein wird, die Ergebnisse mit allfälligen Folgen der seismischen Untersuchungen in Verbindung zu setzen.

Wie ist die Stimmung bei den Stakeholdergruppen, etwa den Vertretern von Tourismus- und Fischereiwirtschaft, in Bezug auf die Ölförderungspläne in der Adria?
Kroatien steckt derzeit in einer tiefen wirtschaftlichen Rezession und die Menschen wollen Zeichen einer ökonomischen Erholung sehen. Ich fühle mit den hunderttausenden Menschen mit, die von dieser Wirtschaftskrise betroffen sind. Aber unabhängig von den ökonomischen Problemen ist der Tourismus unsere grösste „Industrie“, die Jahr für Jahr Kapital ins Land holt. Viele Menschen sind daher auch recht vorsichtig und zurückhaltend in Bezug auf Ölbohrungen. Wie sich das alles weiterentwickelt, muss sich erst zeigen, aber ich glaube, dass es in unser aller Interesse ist, die Verfahren im Bereich des Umweltschutzes zu verstärken, da dies der einzige Weg sein könnte, unser Meer, die Biodiversität und die Wirtschaft entlang der Küste zu bewahren.