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OceanCare bemüht sich seit Jahren intensiv um den Schutz der Wale und Delphine im Mittelmeer. Es ist ein ambitioniertes Ringen, in dem sich Erfolge und Rückschläge abwechseln. Die Herausforderung, Meeresbewohner in einem Lebensraum zu schützen, der wie kaum ein anderer durch menschliche Aktivitäten unter Druck steht, ist enorm. Aktuell beschäftigt uns aber ein weiteres Problem: Das beste Walschutzabkommen der Welt – jenes für Wale und Delphine im Mittelmeer und im Schwarzen Meer (ACCOBAMS) – entpuppt sich zunehmend als Feigenblatt. Wenn beschlossene Massnahmen nicht umgesetzt werden, müssen sich die Mitgliedstaaten die Frage gefallen lassen, ob das Abkommen im Wesentlichen dazu dient, das eigentliche Versagen zu verdecken.

Walschutzkonferenz tagt im November in Istanbul

Die siebente ACCOBAMS-Vertragsstaatenkonferenz findet von 5. bis 8. November 2019 in Istanbul, Türkei, statt. OceanCare wird mit den Ocean-Policy-Experten Nicolas Entrup und Johannes Müller vor Ort sein. Hier ein kurzer Einblick in die Themen und in die Situation der Waltiere im Mittelmeer.

Überfischung und Plastikvermüllung

Das Mittelmeer ist sehr artenreich. Als kleines Meer, das weniger als 1% der Meeresoberfläche des Planeten ausmacht und durch den sehr engen Zugang zum Atlantik einen sehr geringen Wasseraustausch hat, ist es auch ein sehr gefährdetes Meer. Was der Mensch ins Mittelmeer ausstößt, bleibt auch dort. Kein Wunder, dass sich dort der sechste globale Müllstrudel befindet. Überfischung durch die Industriefischerei und auch die illegale und nichtregulierte Fischerei ist ein weiteres, immenses Problem. Ein im Jahr 2018 veröffentlichter Bericht der General Fisheries Commission of the Mediterranean (GFCM) bestätigt, dass 78% der bekannten Fischbestände im Mittelmeer überfischt sind. Dies hat auch Auswirkungen auf die Meeressäuger. Ein Projekt von OceanCare belegte bereits vor mehreren Jahren, dass die stark gefährdeten Gewöhnlichen Delphine im Ionischen Meer vor allem unter Nahrungsknappheit leiden und im östlichen Teil des Mittelmeeres nahezu gänzlich verschwunden sind.

Streifendelphine nicht mehr gesichtet

Der von OceanCare unterstützte Meeresbiologe Dr. Alexandros Frantzis meldet sich besorgt zu Wort. In Teilen seines Untersuchungsgebietes in Griechenland wurden diesen Sommer keine Streifendelphine und in anderen Teilen nur sehr wenige Tiere gesichtet. Über die Ursachen gibt es aktuell nur Spekulationen.

Dieser Entwicklung muss das Walschutzgremium des Mittelmeers oberste Priorität beimessen.

Auch unter Wasser herrscht Krieg

Unterwasserlärm: Im östlichen Mittelmeer herrscht Krieg. Nicht nur über dem Wasserspiegel, sondern auch darunter. Marinen jagen die jeweils feindlichen U-Boote mit Hochleistungs-Sonarsystemen, die nachweislich in zahlreichen Regionen der Welt, insbesondere im Mittelmeer, für atypische Walstrandungen verantwortlich sind. Doch die Strandungen infolge von Lärm sind nur die Spitze des Eisberges, denn es ist davon auszugehen, dass wir das wahre Ausmass der Folgen dieser Lärmaktivitäten niemals zu Gesicht bekommen. Die Anrainerstaaten haben sich bereits mehrmals auf Massnahmen verständigt, um die Auswirkungen militärischer Aktivitäten auf Waltiere zu minimieren. OceanCare intensivierte die Anstrengungen, um in einen Dialog mit Militärs zu treten. In einem ersten Schritt nahmen Militärs von drei Staaten an einem Workshop teil. Konkrete Massnahmen sind jedoch noch in weiter Ferne.

Intensivierte Ölsuche trotz Pariser Abkommen

Intensive Ölsuche im zentralen und östlichen Mittelmeer: 2015 verständigten sich die Regierungen im Pariser Abkommen auf klare Klimaziele und zu einer Transformation des Energiesektors – die Abkehr vom Zeitalter der fossilen Brennstoffe. OceanCare begrüsste den darauf folgenden Beschluss Frankreichs, keine weiteren Genehmigungen für die Suche nach Ölressourcen im marinen Bereich zu erteilen. In Spanien erwirkte OceanCare gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen ebenfalls eine Absage an Lizenzansuchen der Ölindustrie vor den Balearen. Aber im zentralen und östlichen Mittelmeer sowie an der nordafrikanischen Küste intensiviert die Ölindustrie ihre Suche nach dem schwarzen Gold. Diese findet in sensiblen Lebensräumen und grossen Tiefen, wie im bis zu 5000 Meter tiefen Hellenischen Graben, statt. Diese Region ist Lebensraum für stark gefährdete Arten wie Pottwale, Schnabelwale und Mönchsrobben und für viele andere Bewohner des Mittelmeers und wurde als IMMA (Important Marine Mammal Area) identifiziert.  Gemeinsam mit dem WWF Griechenland und anderen Organisationen fordern wir die Ausweisung des Hellenischen Grabens als Schutzgebiet sowie ein verbindliches Ende der Ölsuche im Mittelmeer.

Im Februar 2019 hielt OceanCare gemeinsam mit dem Fischereiabkommen für das Mittelmeer (GFCM) einen Workshop ab, um auf den negativen Einfluss von Unterwasserlärm auf Fischbestände und auf die sozialen und ökonomischen Konsequenzen für die Fischer hinzuweisen. Besonders heikel ist, dass die Erholung der Fischbestände in Zonen, die für die Fischerei geschlossen wurden, durch andere menschliche Aktivitäten, darunter die Suche nach Öl, verlangsamt oder gar verhindert wird. Die Erkenntnisse und Empfehlungen dieses Workshops wurden den Anrainerstaaten präsentiert, damit dringende Massnahmen getroffen werden können. In einem 2017 von OceanCare in Zusammenarbeit mit NRDC und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt abgehaltenen Workshop wurden außerdem Empfehlungen erarbeitet, die explizit die Gefahren durch die Ölsuche in südosteuropäischen Gewässern behandeln.

Save Moby – Pottwale vor Kollisionen schützen

Herausforderung Transportschifffahrt: Das Mittelmeer ist eine der am intensivsten befahrenen Schifffahrtsregionen weltweit. Die Transportschifffahrt ist für etwa 3 % der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich, aber auch für den stetigen Anstieg der Lärmverschmutzung der Meere. Kreuzen Schifffahrtsrouten den Lebensraum grosser Walarten, z.B. von Finnwalen oder Pottwalen, resultiert auch ein hohes Risiko von Kollisionen, die für die Wale meist tödlich enden. Für die im östlichen Mittelmeer vom Aussterben bedrohten Pottwale sind Schiffskollisionen die Hauptursache für den Rückgang ihrer Population. OceanCare fordert daher in den relevanten Gremien eine Geschwindigkeitsreduktion der Transportschifffahrt. Diese Massnahme würde sowohl Emissionen und Lärm als auch das Risiko von Kollisionen mit Walen reduzieren. Darüber hinaus haben wir mit dem Projekt SaveMoby ein innovatives, lösungsorientiertes Programm gestartet – eine der letzten Chancen, Pottwale vor der Ausrottung im östlichen Mittelmeer zu bewahren.

OceanCare erwirkte darüber hinaus im Rahmen der Bonner Konvention auch den höchsten Schutzstatus für die tieftauchenden Cuvier-Schnabelwale sowie Richtlinien für die Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVPs) vor lärmerzeugenden Aktivitäten. Auch arbeiten wir aktiv an der Erstellung von artenspezifischen Aktionsplänen für konkrete Schutzmassnahmen mit.

Ein Feigenblatt für das Versagen?

Unser Fazit: Würden die Staaten die gefassten Beschlüsse umsetzen und den Empfehlungen und Richtlinien folgen, wären das Mittelmeer, die darin lebenden elf Wal- und Delphinarten, sowie weitere Meeresbewohner in einem weit besseren Zustand. Doch die mangelnde Implementierung von Beschlüssen hat System und sorgt in vielen Fällen für das Scheitern. Um diesem Schwachpunkt entgegenzuwirken, richtete ACCOBAMS mit der 5. Vertragsstaatenkonferenz ein sogenanntes Prüfgremium (Follow-Up Committee) ein. OceanCare brachte bereits fünf Beschwerden ein, darf darüber jedoch noch nicht transparent berichten. Wir bezweifeln allerdings, dass das Prüfgremium zu einer signifikanten Verbesserung der Umsetzung der Beschlüsse führen wird. Daher fordert OceanCare von den Mittelmeer- und Schwarzmeer-Anrainerstaaten, die Schutzmassnahmen, zu denen man sich verpflichtet hat, auch entsprechend umzusetzen. Dazu zählen insbesondere die Einrichtung und das Management von Meeresschutzgebieten (u.a. dienen die identifizierten IMMAs als geeignete Kandidaten), aber auch verschiedene andere, konkrete Massnahmen. Bleibt dies aus, muss die Frage gestellt werden, ob dieses Schutzabkommen sinnvoll ist oder ob es lediglich als Feigenblatt dient.

Für OceanCare wird die 7. ACCOBAMS-Vertragsstaatenkonferenz zu einer Weichenstellung für den Walschutz des Mittelmeeres. „Walk the talk“ als ultimative Prämisse. Nur messbare Ergebnisse zählen.