Es gibt ja durchaus auch Positives zu berichten – und damit möchte ich heute gern beginnen. Zum Beispiel der Dokumentarfilm, den die südkoreanische Delegation vorgeführt hat. Im Mittelpunkt stand ein Delphin-Weibchen, das aus Gefangenschaft befreit, liebevoll aufgepäppelt und schliesslich erfolgreich ausgewildert wurde. Der Film hat mich aus zwei Gründen beeindruckt – einerseits, weil die Delphin-Dame in Freiheit ein Junges zur Welt gebracht hat, was bei ausgewilderten Tieren höchst selten vorkommt. Zweitens finde ich es bemerkenswert, dass dieser Film in Südkorea entstanden ist. Denn bis anhin hatten sich das Land meist auf die Seite der Walfang-Befürworter geschlagen.

Ebenfalls erfreulich waren die menschlichen Begegnungen, die wir am Abend mit den Sitzungs-Teilnehmern in aufgelockerter Atmosphäre erlebten. OceanCare und die anderen Tier- und Artenschutz-NGOs hatten einen kleinen Apéro riche ausgerichtet, die Gastgeber vom Tagungs-Hotel servierten vegetarische Köstlichkeiten aus der Region – und natürlich drehten sich die Gespräche um das für die meisten von uns frustrierende Ereignis des vergangenen Tages.

Es wäre ja auch zu schön gewesen …

Ich muss gestehen, dass ich den Entscheid noch nicht richtig habe wegstecken können: Die knappe und gerade deshalb besonders ernüchternde Ablehnung der Errichtung eines grossflächigen Walschutzgebietes im Süd-Atlantik liegt mir immer noch auf dem Magen. Die Idee besteht ja schon seit 18 Jahren, sie ist wissenschaftlich gründlich abgeklärt und so seriös vorbereitet worden, dass zum ersten Mal sämtliche Anrainerstaaten das Projekt unterstützt haben – und dann scheitert es an der unqualifizierten Behauptung, es fehle das wissenschaftliche Fundament, vorgetragen notabene von Repräsentanten karibischer Inselstaaten, die ich jetzt nicht nennen will. Auf jeden Fall liegen sie jenseits vom Äquator in einer anderen Hemisphäre. Ich muss auf nationale Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen und mich um diplomatische Zurückhaltung bemühen; deshalb werde ich nicht behaupten, Wale, die künftig zwischen Afrika und Südamerika getötet werden, würden gekauften Aussagen zum Opfer fallen. Ich sag’s lieber so: Delegierte, die wider besseres Wissen argumentieren, werden von jenen orchestriert, die unter wissenschaftlicher Tarnung sinnlos Leben zerstören. Auch so trifft es durchaus zu …

Immer wieder erinnere ich mich an die Worte meines Mitstreiters: Was auch immer passiert, hat Nicolas mir an dieser Stelle zu bedenken gegeben, vergiss nie, dass das, was du tust, richtig ist und gut. Wenn ich an diese Worte denke, spüre ich, wie eine gute Energie meine Müdigkeit verdrängt.

Sie führt mich zur Erkenntnis, dass die verhinderte Walschutzzone zwar eine bedauerliche Niederlage ist, aber keine Katastrophe. Die wirklich katastrophalen Ereignisse entwickeln sich schleichend und so langsam, dass man sie oft erst erkennt, wenn es zu spät ist. Konkret müssen wir aufpassen, dass wir nicht der Versuchung erliegen, Schritt für Schritt kleine Zugeständnisse zu machen. Wir laufen dabei Gefahr, das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren – und plötzlich haben sich scheinbar harmlose Kleinigkeiten zu einem fatalen Entscheid gefügt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Bei praktisch allen Resolutionen, die heute in Arbeitsgruppen diskutiert und morgen zur Abstimmung gebracht werden sollen, spielt Japan eine mehr oder weniger fragwürdige Rolle. Mit verharmlosendem Vokabular wird die „Notwendigkeit des Walfangs“ schön geredet. Dafür nur ein Beispiel: Die „Resolution zur Ernährungssicherung“ ist nichts anderes als der plumpe Versuch, das Problem des Hungers in der Welt mit Walfleisch zu lösen. Und wir werden versuchen, darzulegen, wie kurzsichtig und moralisch verwerflich derlei Argumente sind.

Besonders stossend ist die Kontroverse um die „Resolution zum Schutz der Vaquitas“. Von dem kalifornischen Schweinswal, der kleinsten und gefährdetsten aller Walarten, gibt es nur noch etwa 60 Tiere. Deshalb haben die Amerikaner die Resolution in letzter Minute eingereicht. Der japanische Antrag, die Resolution abzulehnen, weil die übliche Frist von 90 Tagen nicht eingehalten worden ist, mutet so bizarr an, dass der österreichische Delegierte eindrücklich mahnende Worte fand: „Ich möchte meinen Kindern nicht eines Tages sagen müssen, dass es Tiere nicht mehr gibt, weil eine Frist nicht eingehalten wurde.“

Nur kurz hab ich mir überlegt, mich auch zu Wort zu melden und zu bedenken zu geben, dass 90 Tage genügen, um die letzten 60 Tiere ganz aussterben zu lassen.

Aber nicht alle verstehen Ironie – und so habe ich es dann doch sein lassen. Es gibt noch so viel Wichtiges zu tun. Und zwar in Europa, vor unserer Tür. Wir werden heute zur Medienkonferenz laden und wollen dann den Vertretern der EU-Kommission 13 200 Unterschriften von Menschen überreichen, die gegen den Skandal des massiv zunehmenden Walfangs in nordeuropäischen Meeren protestieren. Und wir wollen den norwegischen Delegierten einen Feldstecher schenken. „Damit kann man nicht nur Wale ausmachen“, werde ich ihnen sagen. Das Ding sorgt auch für richtigen Durchblick und gute Weitsicht.“

 

Fabienne McLellan

Fabienne McLellan

Leiterin Öffentlichkeitsarbeit, Stv. Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare

Zusammen mit Fabienne McLellan berichtet Nicolas Entrup täglich über die aktuellsten Entwicklungen an der 66. Internationalen Walfangkonferenz (IWC) in Portoroz, Slowenien.

FAQs zur IWC