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Die Zahl lässt sich nur schätzen. Aber es waren viele Grindwale, die am Dienstagmorgen, 30. Oktober in die Bucht von Taiji getrieben wurden. Die Schätzungen belaufen sich auf 100-120 Tiere. Die Jäger liessen die Grindwale erst mal für eine Nacht in der Bucht und begannen am darauf folgenden Morgen mit dem Töten. 14 geschlachtete Wale zählten Aktivisten. Herzzerreissend war der Tod eines Babys, das sich in Netzen verfangen hatte und ertrank, während die Mutter ihr Kind verzweifelt umschwamm, ohne es retten zu können. Die Überlebenden blieben eine weitere Nacht in der Bucht gefangen. Der nächste Morgen bedeutete nochmals den Tod von sieben Grindwalen unter der Hand der Delphinjäger. Die verbliebenen Tiere waren völlig verstört, erschöpft und ausgehungert, als die Jäger sich daran machten, sie freizulassen. Es war fast unmöglich, sie herauszutreiben, sodass die Jäger schliesslich einigen Grindwalen Seilschlingen anlegten, um sie mithilfe ihrer Boote ins offene Meer zu ziehen. Solcher Widerstand überlebender Grindwale in der Bucht war schon öfter zu beobachten und ist mit der ruhelosen Suche der verbliebenen, extrem sozialen Tiere nach ihren getöteten Familienmitgliedern zu erklären.

Ein letztes Opfer trieb heute leblos vor der Bucht und wurde von den Einheimischen rasch abgedeckt und abtransportiert. Offensichtlich ein Grindwal, der den Stress und Kummer nicht überlebt hat. Es würde mich nicht wundern, wenn es die Mutter des ertrunkenen Babys wäre. Der Fang von Grindwalen stimmt mich immer besonders traurig, weil diese Tiere so sanft, den Menschen gegenüber freundlich und unter Artgenossen extrem sozial sind. Sie helfen sich gegenseitig aus und versuchen sich buchstäblich bis in den Tod gegenseitig zu retten.

Immerhin kehrten die Jagdboote heute einmal mehr ohne Beute zurück. Und immerhin ist jetzt schon ein Drittel der Jagdsaison vorbei, mit bisher relativ geringer Tötungs-Summe. Nach den ersten beiden Jagdmonaten sind rund 400 Delphine – dazu gehören auch die Grindwale – in die Bucht getrieben worden. Davon wurden ca. 160 getötet, ca. 210 freigelassen und 28 kamen zum Lebendhandel in Gefangenschaft. Auffällig ist die hohe Zahl an freigelassenen Tieren. Dies kann (hoffentlich) mit der immer geringeren Nachfrage nach Delphinfleisch zu tun haben, aber auch damit, dass die Jäger die Quote der diese Saison bisher besonders häufig gefangenen Grindwale nicht zu schnell ausschöpfen wollen.

Hans Peter Roth