Der Koffer ist gepackt. Auf dem Koffer liegt der Mantel, auf dem Mantel die Handtasche – und in dieser sind Reisepass und Buchungsbestätigung griffbereit verstaut: In wenigen Stunden besteige ich das Flugzeug nach Nizza und fahre weiter mit dem Bus nach Monaco, wo morgen früh eine Konferenz beginnt, die uns eine Woche lang auf Trab halten wird: ACCOBAMS ist die Kurzform einer Vereinbarung, mit welcher sich 29 Vertrags- und Anrainerstaaten verpflichten, Massnahmen zu beschliessen und umzusetzen, die geeignet sind, jene Wale und Delphine zu schützen, die im Mittelmeer, im Schwarzen Meer und in den angrenzenden Atlantikgebieten leben – man könnte auch sagen: … die es geschafft haben, bis heute hier zu überleben.

Alle drei Jahre kommen die Delegierten dieser Länder zusammen, um rückblickend Bilanz zu ziehen und vorausschauend Massnahmen zu beschliessen – und dieses Jahr geschieht dies in Monaco. Das Fürstentum an der Côte d’Azur gilt als Depositärstaat: Dem monegassischen Engagement ist es zu verdanken, dass dieses Abkommen überhaupt zustande gekommen ist.

Diese sechste ACCOBAMS-Konferenz steht unter einem besonderen Vorzeichen; zum einen, weil in diesem Jahr das 20. Jubiläum des Vertragswerks gefeiert wird; zum anderen aber auch – und das ist das wesentliche –, weil Themen zur Diskussion stehen, die wegweisend sind für die Zukunft des Lebensraumes Mittelmeer. Vor allem geht es um den Gewöhnlichen Delphin, der einst das Meer zwischen Bosporus und der Strasse von Gibraltar in hellen Scharen bevölkert hat – und heute kaum noch zu sehen ist. Neben der dramatischen Überfischung ist die massive Zunahme der Lärmbelastung ein entscheidender Grund für das Verschwinden eines mystischen Wesens, das schon in der Antike als Gottheit verehrt wurde. Das Wummern der Motoren von Schiffen, die – beladen mit toten Fischen, Pauschaltouristen und Frachtcontainern – kreuz und quer übers Meer fahren, das Gepolter der Druckluftkanonen auf Forschungsschiffen, die den Meeresgrund nach Ölquellen absuchen, und das Dröhnen militärischer Sonarsysteme, die den unterseeischen Lebensraum mit Schallwellen eindecken, kumulieren zum tödlichen Lärm.

Und genau dies ist das andere zentrale Thema an der ACCOBAMS-Konferenz: Wir müssen Schutz-Zonen schaffen, in welche sich die Tiere zurückziehen können, Meeresräume, in denen heilsame und lebensnotwendige Ruhe herrscht. Längst hat man sich auf entsprechende Gebiete festgelegt, die sich als Schutz-Zonen anbieten und aufdrängen, aber verbindliche Beschlüsse sind noch immer nicht gefasst worden.

Ich bin froh, dass meine Lebensgeister gerade noch rechtzeitig zurückgekehrt sind. In den letzten Wochen – vor allem, nachdem wir uns von Sharifa haben verabschieden müssen, meiner treuen Rhodesian Ridgeback-Hündin – fühlte ich mich ausgelaugt, körperlich und mental. Jetzt aber ist die Energie wieder da: Ich hab grosse Lust auf grosse Entscheide, ich bin bereit, mich auf die Auseinandersetzungen mit den Vertretern der Öl-Konzerne einzulassen, die den Meeresuntergrund mit tödlichen Wellen beschallen und mit Bohrtürmen plündern wollen. Und ich fühle mich stark genug, die Argumente der Militärs zu entkräften, die – zum Teil als Mitglieder der Regierungs-Delegationen – das Mittelmeer für Manöver mit Sonarsystemen missbrauchen wollen.

Vor allem bin ich froh, dass ich nicht alleine bin: Nicolas Entrup, der Umweltschutz-Experte, der uns bereits an der IWC in Slowenien zur Seite stand, wird mich schon nach der Landung in Nizza erwarten. Im Bus setzen wir die Reise am Nachmittag fort Richtung Monaco, wo wir Lora Reeve treffen werden. Lora lebt auf Hawaii; sie ist einerseits Meeresbiologin, andererseits schreibt sie eine juristische Doktorarbeit zum Thema Lärmbelastung in den Ozeanen – und der Zufall will es, dass sie gerade jetzt mit ihrem Mann Ferien in Europa macht. Zu dritt werden wir unsere Stimme für den Gewöhnlichen Delphinen und viele andere lärmgeplagte Meerestiere erheben, wenn in den folgenden drei Tagen über dreissig Resolutionen durch die Traktandenliste gepeitscht werden.

Jetzt werde ich noch ein Bild in den Koffer packen, ein Foto von Sharifa. Auch wenn sie gegangen ist, wird sie mitkommen – und mir Kraft geben.

Und dann mach ich mich auf den Weg. Es ist höchste Zeit.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare

Sigrid Lüber berichtet von der 6. Walschutzkonferenz der Anrainerstaaten des Mittelmeers und Schwarzen Meeres

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