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Von 23. März bis 3. April hätte die vierte und letzte zwischenstaatliche Konferenz über das so genannte BBNJ-Abkommen stattfinden sollen. Dabei geht es um ein international rechtsverbindliches Instrument im Rahmen der UN-Seerechtskonvention für den Schutz und die Nachhaltigkeit der Nutzung der marinen Biodiversität in Gebieten ausserhalb nationaler Rechtszuständigkeit, d.h. auf hoher See. Leider wurde die Konferenz wegen der raschen Ausbreitung von COVID-19 auf unbestimmte Zeit verschoben. Das kam zwar für die UNO-Delegierten und die anderen involvierten Stakeholder jetzt nicht mehr überraschend, ist aber trotzdem eine bittere Pille. Es wäre nach einem fast 20 Jahre dauernden Prozess die historische und entscheidende Abschlusskonferenz gewesen, um die Artenvielfalt der Hochsee (also zwei Drittel der Ozeane) durch ein Abkommen zu schützen. Nach der Verschiebung müssen sich die NGOs (und auch die Staatenvertreter) noch mehr ins Zeug legen, um den Impetus und den Fokus aufrechtzuerhalten, damit schlussendlich ein starker Vertrag verabschiedet wird.

Am einfachsten wäre es nun, die gegebenen Umstände hinzunehmen und zu warten, bis die Pandemie eingedämmt und die Normalität zurückgekehrt ist, um dann neu durchzustarten, wenn ein neues Datum für die Konferenz festgelegt ist. Unsere Pläne schauen aber anders aus. Es war von Anfang an klar, dass der Abschluss eines rechtsverbindlichen Abkommens für Gebiete ausserhalb nationaler Hoheit alles andere als einfach sein würde. Schliesslich müssen die Vereinten Nationen hier fast 200 Staaten – die teils sehr unterschiedliche politische und rechtliche Systeme und nicht selten auch widerstreitende nationale Interessen haben – zu gemeinsamen Schutzmassnahmen für die hohe See bewegen. So ist es jetzt wichtiger denn je, dranzubleiben und die Entschlossenheit hochzuhalten. Das BBNJ-Team von OceanCare wird, wie auch andere Organisationen, unvermindert alles daran setzen, die UNO-Mitgliedstaaten zu überzeugen, dass dies die bedeutendste Gelegenheit zum Schutz der Weltmeere seit Jahrzehnten ist.

OceanCare war von Beginn an in diesen Prozess involviert und betont dabei insbesondere die Rolle des Unterwasserlärms bei der Schädigung der Ökosystemleistungen und der Biodiversität. Der menschengemachte Lärm hat in den Meeren ein Mass erreicht, das vielen Meerestieren irreversible Schäden zufügt, darunter Gehörverlust, Vertreibung aus ihrem Lebensraum, verminderte Fortpflanzung und Nahrungsmangel bis hin zum direkten Verlust des Lebens. Es bleibt daher eine der Hauptaufgaben von OceanCare, die Regierungen dazu zu bringen, Unterwasserlärm als Gefahr für die Hochsee-Biodiversität zu berücksichtigen. Eine solche Lärmquelle sind sogenannte Airguns. Diese Schallkanonen werden für seismische Untersuchungen in der Exploration von Öl- und Gaslagerstätten im Meeresboden eingesetzt. Ihr explosiver Lärm erreicht bis zu 260 dB und wird über Wochen oder sogar Monate alle 10 bis 15 Sekunden abgefeuert. Dies ist in mehrerer Hinsicht schädlich. Eine Studie australischer Wissenschaftler (McCauley et al., 2017) zeigte, dass schon eine einzige Seismik-Airgun sämtliche Krill-Larven und auch einen grossen Teil des adulten Zooplanktons in einem Radius von bis zu 1,2 Kilometer um das Versuchsgebiet tötete. Die Gefährdung des Meereslebens durch Unterwasserlärm reicht also vom kleinsten Plankton bis zum grössten Wal.

Im grösseren Bild werden wir die Regierungen an die Zusammenhänge zwischen Lärm und Klimawandel erinnern. Handelsschiffe etwa sind eine weitere bedeutende Quelle von Unterwasserlärm und die Regierungen müssen verstehen, dass eine Verringerung ihrer Fahrtgeschwindigkeit sowohl CO2-Emissionen als auch Lärm vermindern würde. Kurz gesagt: Geschwindigkeit vermindern, Lärm vermindern, Emissionen vermindern und dadurch zur Verminderung der globalen Erwärmung beitragen.

Beim Klimagipfel 2015 in Paris haben sich die Staaten darauf geeinigt, als Massnahme gegen den Klimawandel die öffentliche Subventionierung für kohlenstoffintensive Energiegewinnung zu beenden. Seismische Aktivitäten zur Suche nach neuen Öl- und Gaslagerstätten auslaufen zu lassen, ist daher nicht nur zum Schutz der Hochsee-Biodiversität geboten, sondern auch um die Staaten ihren Klimazielen von Paris näherzubringen.

Wie Sie sehen, haben wir eine Menge Arbeit vor uns. Wir können zwar jetzt nicht physisch an Meetings und Konferenzen teilnehmen, aber wir können den digitalen Dialog mit Regierungsstellen pflegen (siehe unten unsere Stellungnahme zum Entwurf des Präsidenten). Das ist natürlich alles andere als eine günstige Entwicklung, schon alleine wegen der Verzögerung, aber auch weil nichts die Interaktion von Angesicht zu Angesicht mit den Delegierten ersetzen kann. Die Alternative – warten, bis es weitergeht – ist aber keine Option.

In Bezug auf den Klimawandel sind die Weltmeere nicht nur Leidtragende. Gesunde Meeresökosysteme sind für die Stabilisierung des Klimas essentiell, denn sie können erhebliche Mengen CO2 aufnehmen und sind die grösste Sauerstoffquelle des Planeten. Der Schutz der Ozeane ist daher eine Grundbedingung, um den Klima-Zusammenbruch zu verhindern. Wir müssen die Ressourcen nutzen, die uns jetzt zur Verfügung stehen (Schreibzeug, Telefon, elektronische Kommunikation), und das letztendliche Ziel im Auge behalten: ein rechtsverbindliches Abkommen zum Schutz der Hochsee. Die Coronavirus-Pandemie mag ein Hindernis für den Abschluss des Verhandlungsprozesses darstellen, aber sie sollte nicht als Ausrede dienen, jetzt untätig zu sein.

OceanCare-Stellungnahme zum Entwurf des Präsidenten

Johannes Müller

Johannes Müller

Ocean Policy Consultant bei OceanCare, hat seit September 2018 an den BBNJ-Verhandlungen teilgenommen