Photo by IISD/ENB | Diego Noguera

Samstag, 23. Juni, über dem Atlantik

Nein, morgen wird noch keine Stille einkehren in den Meeren. Und übermorgen auch nicht.

Dennoch sitze ich überglücklich in diesem Flugzeug. In den letzten vierzehn Jahren, während derer ich regelmässig, oft mehrmals pro Jahr, unsere Organisation vor der UNO in New York vertrete, lag unser Fokus innerhalb des Seerechtsabkommens ausschliesslich auf der Lärmbelastung in den Meeren. Nun stand zum ersten Mal der Unterwasserlärm offiziell eine ganze Woche lang im Mittelpunkt. Und OceanCare wurde nicht nur gehört, sondern auch verstanden und ernst genommen.

Es ist wie vor einer Woche. Nur umgekehrt. Ich habe, sowie die Reiseflughöhe erreicht und die Inbetriebnahme elektronischer Geräte erlaubt ist, den Laptop eingeschaltet. Auf dem Bord-Monitor zuckelt wieder dieses weisse Flugzeug über den Atlantik, diesmal in östlicher Richtung, der Sonne entgegen. Und jetzt, wo ich den letzten Blog dieser Mission begonnen habe, liegt die kanadische Insel Neufundland in der Dunkelheit unter mir – wie vor einer Woche, als ich auf dieser Position den ersten Blog abgeschlossen hatte.

Damals war es die Aufregung, die mich wach hielt; heute raubt mir die Freude den Schlaf. Es fühlt sich beflügelnd an, es ist wie Fliegen – nur schöner: Wir sind durchgestartet, haben abgehoben und Widerstände überwunden, die gewichtiger sind als die Schwerkraft. Und wir sind auf Kurs. Das Ziel ist erfasst – zwar noch in der Ferne, aber deutlich im Visier.

Was in den vergangenen Tagen in New York passiert ist, wird mir und meinem Team wohl erst kommende Woche so richtig bewusst werden.

Unsere Präsentationen, Interventionen und Informationen waren Basis von konstruktiven Diskussionen mit Weitblick. OceanCare war omnipräsent, von Anfang an, als Fabienne McLellan in ihrer Eröffnungsansprache deutlich machte, dass wir, wenn wir den Unterwasserlärm eindämmen, nicht nur das Leben der Tiere schützen, sondern letztlich auch die Nahrungssicherheit und das wirtschaftliche Überleben des Menschen; bis zum Ende, als Kornelios Korneliou, der zypriotische Co-Präsident des UN-Seerechtsabkommens, einen Schlussbericht vorstellte, in welchem praktisch alle Anregungen und Forderungen von OceanCare Aufnahme gefunden hatten. Und dies nicht, weil er uns besonders sympathisch findet, sondern weil viele Mitgliedstaaten unsere Anregungen ebenfalls aufgenommen haben. Das ganze OceanCare-Team hat wirklich grossartiges geleistet.

Im Wesentlichen geht es um eine Zusammenfassung an den UNO-Generalsekretär, die von ihm im Herbst der Generalversammlung zur Erwägung einzelner oder mehrerer Empfehlungen vorgelegt wird.

Dazu gehört zunächst die Anerkennung des Begriffs Lärm als „Pollution“. Damit wird festgehalten, dass Lärm keine Belästigung ist, sondern eine grenzüberschreitende Form der Verschmutzung der Meere: Noise-Pollution ist eine Gefahr, die das Leben bedroht. Jenes der Tiere, wie das der Menschen.

Die wissenschaftliche Untermauerung dieser Erkenntnis ist eine weitere Empfehlung: Offizielle Studien sollen die kausale Wechselwirkung zwischen von Menschen generiertem Unterwasserlärm und dem sozialen und ökonomischen Druck der Küsten-Bewohner belegen, insbesondere in Bezug auf die Auswirkungen von Lärm auf die Fischerei.

Weitere Empfehlungen betreffen die Definition und Einrichtung sogenannter „quiet zones“, Ruhezonen für Meeresbewohner. Oder staatlich angeordnete Entwicklungen von Technologien, welche die Intensität der Lärmbelastung reduzieren, was für Schiffsmotoren ebenso gilt wie für Schall-Ortungsgeräte.

Es ist ein bunter Strauss von Empfehlungen, der da auf den Weg gebracht worden ist. Bis hierhin war es ein langer und steiniger Weg, der viel Ausdauer und noch mehr Geduld erforderte. Nur, wer diesen Weg gegangen ist, kann ermessen, wie langsam, aber auch wie effizient die UN-Mühlen mahlen, kann die Bedeutung des Schritts absehen, der in dieser Woche vollzogen wurde. Ein kleiner Schritt, der grosses bewirkt.

Ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass die vergangene Woche der Auftakt zu einem globalen Umdenken war. Der kleine Schritt vom Sitzungssaal des Seerechtsabkommens zum Plenarsaal der UNO-Generalversammlung führt hoffentlich zu einem gigantischen Sprung ins Wasser eines sehr stillen und sehr lebendigen Ozeans.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber, Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit nimmt mit Fabienne McLellan, Nicolas Entrup, Joanna Toole und Johannes Müller an der Konferenz des UNO-Seerechtsabkommens teil. Sie berichtet regelmässig aus New York über den Verlauf der Konferenz.