Gastblog von Angela Ziltener

Angela ZiltenerAls Delphin unter Delphinen schwimmen – ein ganz besonderes und ein einzigartiges Erlebnis. Ein Lebenstraum vieler Menschen, der für mich in Erfüllung ging. Doch es brauchte Jahre, unendlich viel Geduld, gegenseitigen Respekt und auch eine Portion Glück.

Vor fünf Jahren entschloss ich mich, nach Hurghada zu ziehen. Mein Ziel: Den Alltag der Delphine besser zu verstehen und deren Bedürfnisse zu erforschen und kennenzulernen. Als Primatologin ist mir das Folgen und Dokumentieren wilder Affen im Wald vertraut. Sollte dies nicht auch mit frei lebenden Delphinen möglich sein? Das Rote Meer bietet optimale Bedingungen dazu. Der vor Hurghadas Küste lebende Indopazifische Grosse Tümmler (Tursiops aduncus) ist sich an Taucher und Schwimmer gewohnt und die klare Sicht macht das Beobachten auch über weite Distanzen einfach.

Delphine sind neugierig und suchen manchmal, wenn sie aktiv und in Spiellaune sind, sogar Kontakt zu uns. Über die Jahre haben mich einzelne Tiere so gut kennengelernt, dass sie mich „persönlich“ begrüssen. Sie schwimmen auf mich zu, umkreisen mich, pfeifen und führen mich dann zur restlichen Gruppe. Nur mit viel Training und guter Kondition kann man als Taucherin den schnellen Delphinen folgen. Selbst wenn sie schlafen, hat auch der schnellste Schwimmer keine Chance. Über all die Zeit wurde ich als „Gruppenmitglied“ akzeptiert und manchmal passen die Tiere sogar ihre Geschwindigkeit für mich an.

(c) Phil Simha

(c) Phil Simha

Ist die Begrüssung vorbei, kehrt der Alltag zurück. Für mich heisst dies dann beobachten und dokumentieren. In den ersten Jahren ging es vor allem darum, die vor Hurghada lebenden Tiere zu katalogisieren, die Gruppenorganisation zu verstehen und das Sozialverhalten kennenzulernen. Dabei ist ein Bestimmungskatalog von rund 160 Delphinen entstanden. Heute muss ich ihn nur noch selten zur Hand nehmen. Die meisten Tiere kenne ich direkt.
Das über hunderte von Tauchgängen aufgebaute Vertrauen lässt mich aber auch an Verhalten teilhaben, die bis jetzt unbekannt waren und nicht erforscht sind. So reiben sich die Tiere zur Pflege und/oder zum Spass mit dem ganzen Körper an bestimmten Korallen, benutzen Schwämme für das Gesicht und Hartkorallen für die Brustflossen. Für ein ganzes Körperpilling sorgt der feine Sand.

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Nebst der Pflege nimmt auch das Spiel eine wichtige Rolle im Sozialverhalten der Gruppe ein. Da wird auf einer Qualle wie auf einem Kaugummi herumgekaut oder ein Korallenstückchen auf der Nase balanciert. Das junge Weibchen Laura sucht richtig Kontakt zu den Menschen, um mit ihnen „Stöckchen“ oder mit der Qualle zu spielen. So einzigartig und wunderschön diese Erlebnisse unter Wasser auch sind, findet der grösste Teil der Forschungsarbeit aber über Wasser am Computer statt. Nach jedem Tauchgang gilt es hunderte von Fotos und Kurzfilmen zu sichten, die Tiere zu bestimmen und das Verhalten zu analysieren.

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Leider haben sich in den letzten Jahren die Lebensbedingungen für die Delphine vor Hurghada massiv verschlechtert. Das Schwimmen und Tauchen mit Delfinen hat sich zum Massentourismus entwickelt. Ganze Horden von Booten mit jeweils 20 bis 30 Schnorchlern und Tauchern an Bord machen regelrecht Jagd auf die am Morgen schlafenden Delphine. Die Riffplätze sind eigentlich die Schlafzimmer der Delphine. Dort ist es nicht allzu tief, sie sind geschützt und haben einen guten Überblick, um sich vor Räubern zu schützen. Und genau dort können die Bootskapitäne ihr Versprechen einer garantierten Delphinbegegnung am ehesten erfüllen. Bei diesen „Treibjagden“ springen die Touristen mitten in die schlafenden Delphingruppen.

Durch meine Forschungsarbeiten war mir sofort bewusst, dass hier die Delphine empfindlich gestört werden und dass dies auf Dauer verheerende Folgen für die Tiere haben wird. Ich musste einfach etwas unternehmen! Und so hat sich mein Schwerpunkt vor drei Jahren von der Forschung zum Delphinschutz verlegt. Mit dem eigens dafür geschaffenen Projekt „Care for Dolphins“ betreiben wir Aufklärung über die Bedürfnisse der Delphine, klären Bootskapitäne und Guides über die Richtlinien auf, halten Workshops ab und geben Infoveranstaltungen in den Hotels. Gestützt auf unsere Forschungsergebnisse sind so auch die Richtlinien für Delphinbegegnungen entstanden und Empfehlungen für Schutzgebiete abgegeben worden.

Ich denke, Taucher die einmal eine freiwillige Delphinbegegnung hatten, spüren diesen magischen Moment. Es ist kein Vergleich mit dem „Hineinplumpsen“ in eine schlafende Delphingruppe. Unser Verein Dolphin Watch Alliance setzt sich aktiv für die Forschung und den Schutz der Delphine ein. Seit Beginn werden wir dabei von OceanCare unterstützt. Ganz herzlichen Dank dafür! Es geht nicht darum, Begegnungen mit Delphinen zu verbieten. Es geht darum, für Tier und Mensch einzigartige Begegnungen mit Respekt zu schaffen.

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