New York, Freitag, 9. Juni 2017

Der letzte Tag: Bald wird die UN-Ocean-Conference Geschichte sein – und zwar im Sinne des Wortes: Schon als wir vor fünf Tagen – kaum zu fassen, was man in so kurzer Zeit alles erleben kann! – nach New York reisten, ahnten wir, dass das, was uns unmittelbar bevorstand, eine historische Dimension erfahren würde. Und heute, kurz vor dem Heimflug, wissen wir: Diese Konferenz wird in die Geschichte eingehen. Was in den letzten Tagen von Staatsoberhäuptern, Monarchen und anderen hochrangigen Repräsentanten der Mitgliedstaaten, aber auch von Vertretern der Wissenschaft und der Industrie, am UN-Hauptsitz in New York verhandelt und beschlossen wurde, dürfte für die Weltmeere eine ähnliche Bedeutung erlangen wie vor eineinhalb Jahren das Übereinkommen von Paris für das Welt-Klima.

Nüchtern formuliert lässt sich diese Konferenz so zusammenfassen: Es herrschte ein überwältigender Konsens in der Frage, wie dringend die Notwendigkeit von Schutz- und Rettungsmassnahmen für die Meere ist. Insbesondere jene Staaten, die von der Verseuchung der Meere am schärfsten betroffen sind, gingen mutige Verpflichtungen ein, die Hoffnung aufkommen lassen – Hoffnung, dass wir das Ruder noch rechtzeitig herumreissen können.

Aus meiner individuellen und eher gefühlsbetonten Perspektive möchte ich es so formulieren: Inspiriert vom positiven Geist, der in New York herrschte, ist aus der zuversichtlichen Aufbruchsstimmung, die mich zu Beginn der Konferenz beflügelte, eine Energie geworden, die mich motiviert, mit noch mehr Freude und Hingabe für den Schutz der Meere und der Meeresbewohner zu kämpfen.

Wenn ich gleich meinen Koffer packe, werde ich eine Wasserflasche ganz besonders sorgfältig verstauen. Sie trägt auf blauem Grund das weisse UN-Emblem – ein Geschenk von Sigrid, der nicht entgangen ist, wie sehr mich die Kraft dieser Völkergemeinschaft beseelt und begeistert hat. Aber auch ein starkes Symbol: Drin ist Trinkwasser, so rein, wie es dereinst auch in den Meeren wieder sein soll. Und drum herum Alu, das wieder verwertbar ist – und kein Pet-Plastik, das auch in zweihundert Jahren nicht abgebaut werden kann.

Die Debatten, die an den Hauptverhandlungen und auch an den zahlreichen Veranstaltungen am Rande geführt wurden, drehten sich hauptsächlich um den Plastik-Müll an den Küsten und auch auf dem Grund der Weltmeere sowie um die gigantischen Müll-Teppiche, die höchst bedrohlich – in den Ozeanen treiben.

Ganz am Anfang der UN-Ocean-Conference war die Hoffnung, dass den grossartigen Absichtserklärungen konkrete Tatbeweise folgen – eine Hoffnung, die sich als berechtigt erwiesen hat und an diesem Freitag mit der Verabschiedung des Aktionsplans „Call for Action“ Gestalt annimmt: Die Massnahmen, die von Regierungen und Privaten, von Organisationen und Unternehmungen zur Rettung der Ozeane eingeleitet werden, müssen konkret messbar und zeitlich definiert sein, das macht sie überprüfbar und es verpflichtet. Auf der Konferenz-Webseite „SaveourOceans“ sind bereits weit über tausend solcher freiwilligen Verpflichtungen aufgeführt – und laufend kommen neue dazu [am Ende der Konferenz waren es 1328 Verpflichtungen].

Kanada hat sich zum Beispiel dazu verpflichtet, bis Mitte 2018 keine Pflegeprodukte mit Mikroplastik mehr auf dem Markt zu erlauben. Und Gabun hat an der Konferenz eine der größten Meeresschutzzonen Afrikas ausgerufen. Die Malediven verbieten Plastiksäcke auf ihren Inseln, die über einer Meeresfläche von einer Million Quadratkilometer verbreitet sind. Indonesien ist von den vielen Beispielen eines der eindrücklichsten: Der Viel-Insel-Staat ist weltweit am heftigsten von der marinen Plastikvermüllung betroffen; einerseits, weil Strömungen aus verschiedenen Ozeanen zu den Küsten des Archipels führen, andererseits aber auch, weil der hausgemachte Müll in einem Masse angewachsen ist, dass ganze Häfen blockiert sind und die Fischerboote nicht mehr auslaufen können. Jetzt will die indonesische Regierung ab 2018 Einwegplastik verbieten.

Das Plastikproblem ist als besonders dringlich erkannt und täglich in nahezu allen Debatten thematisiert worden. Ein ganz anderes Problem hingegen drohte, im Plastik förmlich unterzugegehen. Umso mehr freute es uns, dass die Erlaubnis für die Wortmeldung, die von OceanCare beantragt worden war, nicht wie zuerst für heute Freitag, sondern bereits am Mittwoch erteilt wurde.

Joanna Toole schritt feierlich ans Rednerpult, holte tief Luft und begann: „Im Namen von OceanCare und 24 Partner-Organisation bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und möchte Ihnen folgendes mitteilen …“

Sie wies auf eine Gefahr hin, die zwar weniger deutlich sichtbar ist wie der Plastikmüll, aber nicht minder fatal für die Bewohner der Ozeane: Auch der Unterwasserlärm, verursacht durch Druckluft-Kanonen, mit denen die Öl- und Gas-Industrie die Meere beschallen, um lukrative Gas- und Erdöl-Vorkommen aufzuspüren oder durch das Sonar des Militärs, um feindliche U-Boote aufzuspüren, ist eine tödliche Form von Umweltverschmutzung.

Sigrid und ich sassen wie gebannt auf unseren Sitzen in der Halle der UN-Generalversammlung – treffend auch „Hall of Humanity“ genannt und – ich kann es nicht anders sagen! – wir waren mächtig stolz! Vor diesem Gremium reden zu dürfen, von diesen wichtigen Personen gehört zu werden, das ist ergreifend. Unsere Augen glänzten und unsere Herzen schlugen höher, als wir auf der Tribüne Joannas Auftritt begleiteten. Der flammende Appell, den sie an das versammelte UN-Gremium richtete, war aus der Perspektive unserer Organisation der Höhepunkt einer Konferenz, deren Bedeutung uns erst so ganz allmählich bewusst wird.

Diese Ergriffenheit hat eine zusätzliche Dimension bekommen, als gestern – mitten in der UN-Ocean Conference, was wohl kein Zufall ist – weltweit auch der World Oceans Day, der Tag der Meere. gefeiert wurde. Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben, richteten sich mit starken Voten an die UN-Delegierten – und redeten auch der Welt ins Gewissen. Unter ihnen haben mich zwei Frauen und zwei Männer so sehr beeindruckt, dass ich ihre starken Voten nie vergessen werde:

„Dies ist eine der wichtigsten Konferenzen des 21. Jahrhunderts“, ordnete die amerikanische Ozeanographin und Umweltaktivistin Dr. Sylvia Earle den Anlass ein. „Die Sorge zur Natur dieses Planeten ist ein Gebot der Menschlichkeit.“

„Wir wissen, was zu tun ist“, sagte der britische Unternehmer und Philanthrop Sir Richard Branson: „Und wir haben die Technologie, um es zu tun. Lasst uns an die Arbeit gehen!“

Der französische Filmproduzent und Aquanaut Fabien Cousteau variierte das alte Hippie-Motto „Make love not war“: „Warum erklären wir den Ozeanen den Krieg?“, fragte der Enkel des legendären Meeresforschers Jacques Cousteau. „Wir sollten sie doch lieben!“

Die ehemalige US-amerikanische NASA-Astronautin Catherine Coleman, die vor fünf Jahren die Schönheit unseres Planeten und seiner Ozeane 159 Tage lang aus der Perspektive der Internationalen Raumstation ISS bewundern konnte, brachte auf den Punkt, was zu tun ist: „Wir sind die Besatzung des Raumschiffs Erde. Wir müssen differenziert handeln. Und wir müssen es mutig tun.“

Ich bleibe lieber auf der Erde. Gehe in Gedanken ans Meer und an Bord eines Segelschiffs, bei dem soeben das Grossegel gesetzt wurde. Das Schiff nimmt Fahrt auf und geht auf Kurs. Der Kurs hat einen Namen: Die Rettung der Meere.

Ja, jetzt, nachdem ich die Kraft gespürt habe, die entsteht, wenn alle zusammenstehen und mutig und unbeirrt dasselbe Ziel ansteuern, jetzt weiss ich, dass wir auf Kurs sind.

Und ich hoffe inständig, dass dieser gute Wind anhält. Wir brauchen ihn; denn das Ziel ist zwar erkannt und angepeilt. Aber es ist, weit hinterm Horizont, noch nicht in Sicht …

Fabienne McLellan

Fabienne McLellan

Fabienne McLellan, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit und stv. Leiterin Internationale Zusammenarbeit nimmt mit Sigrid Lüber und Joanna Toole an der UN #SaveOurOcean Konferenz teil. Sie berichtet regelmässig aus New York über den Verlauf der Konferenz.