New York, Montagabend, 5. Juni 2017

Die erste Nacht im Hotel Roosevelt war kurz. Das liegt weniger an der Geräuschkulisse der pulsierenden Stadt als am Jetlag: Zwei Wochen vor dem kalendarisch längsten Tag hatten wir, als wir gestern nach dem Flug über den Atlantik in die Federn krochen, effektiv und auch gefühlt einen 32-Stunden-Tag hinter uns. Zur Zeitverschiebung, die den Bio-Rhythmus durcheinander wirbelt, gesellte sich die Aufregung, die mich hellwach hielt – die Vorahnung auf etwas sehr Grosses, etwas sehr Wichtiges, das Wissen um die Bedeutung der kommenden Tage für die Meere und für unsere Arbeit, hatte die Wirkung von mindestens einem Dutzend doppelten Espressi …

Eine solche Koffein-Bombe schlürften wir aus unseren mitgebrachten Mehrweg-Kaffeebechern, als wir auf der 45. Strasse von Fifth Avenue zur First und Richtung Hudson marschierten. Nach einer Viertelstunde hatten wir das UNO-Hauptgebäude erreicht, vor dem drei Meeresbewohner die Konferenz-Teilnehmer begrüssten: Ein Seepferdchen, ein Fisch und die Fluke eines Buckelwals – alle drei überdimensionierte Skulpturen aus Plastik – machten jeden, der das Gebäude betreten wollte, symbolisch auf ihre Not aufmerksam. Um sie herum hatte sich bereits eine grosse Menschenmenge eingefunden. Allein schon das babylonische Stimmengewirr und die bunte Vielfalt von hochrangigen Vertretern aller 193 Mitgliedstaaten brachten zum Ausdruck, wie weltumspannend und wie weltbewegend das Thema ist, das sich die UNO auf die Fahnen geschrieben hat: Es ist offensichtlich, dass die erste UNO-Ozean-Konferenz eine globale Dimension hat und historische Bedeutung erlangen wird.

Das Chaos und das Gedränge, die in den Gängen und Sälen im Innern des Gebäudes herrschten, erinnerten mich an das Gewusel in einem Bienenstock. Die Plätze unten im Plenarsaal sind den offiziellen Länder-Delegationen vorbehalten; wir nahmen, als wir endlich unsere Zutrittstickets ergattert hatten, oben auf der Galerie Platz.

Antonio Gutteres, der Anfang Jahr an die Spitze der Welt-Organisation gewählt wurde, machte mit ergreifenden Worten deutlich, dass ihm als Bürger der Seefahrer-Nation Portugal das Meer ein Herzensanliegen ist; als UNO-Generalsekretär richtete er an die Bewohner des Planeten einen dringenden Appell; nicht nur die Küstenbewohner, die gesamte Menschheit stehe jetzt in der Verantwortung: „Die Meere gehören uns allen. Ihr Gesundheitszustand ist unsere Verantwortung; wir müssen sie retten – und wir können es uns nicht leisten, zu versagen.“ Die mahnende Eindringlichkeit seiner Worte hat mich sehr berührt und es erfüllte mich mit Stolz, als OceanCare genau zu dieser Rettung beitragen zu können.

Das Augenwasser floss, als ein Einwohner von den Fidschi-Inseln – das vom Klima-Kollaps bedrohte Paradies im Südpazifik tritt zusammen mit Schweden als offizieller Konferenz-Gastgeber auf – ein ergreifendes Eröffnungsritual zelebrierte. Er führte eine grosse Horn-Muschel, eine sogenannte Conch, an die Lippen und liess den „Sound of Silence“ ertönen: Seid still, rief die Muschel in den Saal, seid still und konzentriert all Eure Sinne auf die Ozeane. Und tatsächlich: Es war mucksmäuschenstill geworden …

Die Präsidenten einzelner Mitgliedstaaten kündigten konkrete Schritte und Massnahmen an, Er werde, versprach etwa Ali-Ben Bongo Ondimba, Präsident der Republik Gabun, sechsundzwanzig Prozent seiner Gewässer – ein Gebiet, das grösser ist als die Schweiz – als Meeresschutzgebiete deklarieren. Sein Amtskollege aus Simbabwe, Robert Mugabe, doppelte nach und sagte der illegalen Fischerei sowie der Plastik-Vermüllung den Kampf an, und immer mehr Staatsoberhäupter stimmten ein: „We are the Oceans“, erklärten die Regierungs-Chefs von Inselstaaten wie Nauro, Palau, Tuvalu oder den Cook-Islands. „Wir alle sind Ozeanier!“

Nicht nur im Plenarsaal, auch in den Nebenräumen, an den sogenannten Side-Events, wurde leidenschaftlich debattiert. Um möglichst nichts zu verpassen und da und dort auch eigene Positionen einbringen zu können, mussten Sigrid, Joanna und ich uns möglichst strategisch aufteilen. Zeit für Verpflegung fanden wir natürlich nicht – und so waren wir froh um den Notvorrat an Energieriegeln aus der Schweiz, die wir, während wir von einer Diskussion zur nächsten eilten, mit Smoothies hinunterspülten.

Im Rahmen solcher Side-Events waren allerdings auch Diskurse zu vernehmen, die nicht über alle Zweifel erhaben waren und noch weniger unwidersprochen bleiben durften. So verstieg sich ein Repräsentant der FAO zur Aussage, die schädlichen Auswirkungen von Mikroplastik auf die Gesundheit von Wildfischen und dadurch auch auf die Gesundheit der Menschen, die diese Fische verzehren, seien nicht schlüssig erwiesen. Sigrid und ich wechseln kurz Blicke, die wohl unsere Fassungslosigkeit zum Ausdruck brachten – und dann meldete Sigrid sich blitzschnell und schlagartig zu Wort: Mit ebenso höflichen wie diplomatischen Worten hinterfragte sie diese Aussage und erntete wohlwollende Blicke zahlreicher Event-Teilnehmer. In solchen Momenten bewundere ich unsere Präsidentin für ihre kompetenten und schlagfertigen Interventionen.

Zu den Fakten und Einsichten, die mir in Erinnerung bleiben werden, gehören die Worte eines japanischen Wissenschaftlers, der zum Schluss kam, dass acht Prozent der weltweiten Öl-Förderung zu Plastik verarbeitet werden – und zu einem grossen Teil als Verpackungsmaterial gebraucht wird, das am Ende einfach nur weggeworfen wird. Und noch schlimmer: 94 Prozent des Plastikmülls, der die Meere verseucht, gelangen mit der Zeit bis zum Meeresgrund – und richtet langfristig Schäden an, die heute noch gar nicht absehbar sind.

Das Sicherheitsregime im Rahmen dieser Konferenz ist rigoros und effizient: Nach jeder Veranstaltung wird der jeweilige Saal rasch geräumt und verschlossen, was nicht selten dazu führt, dass man sich in dem Labyrinth von abgesperrten Türen und Gängen, die zu Sackgassen werden, hoffnungslos verirrt. Wir gehörten, nachdem wir uns auf zwei Hauptsitzungen und vier Side-Events aufgeteilt hatten, zu den letzten, die am Abend doch noch den Ausgang gefunden hatten. Müde waren wir und hungrig – und jetzt endlich leisteten wir uns ein feines Essen in einem indischen Restaurant.

Beim herrlichen Essen liessen wir die Höhepunkte eines ereignisreichen Tages noch einmal Revue passieren. Einer der schönsten Sätze, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt haben, stammt von der Exekutiv-Sekretärin von CBD, der Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity). Treffend bringt sie die heutige Situation auf den Punkt – und schürt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft: „Am dunkelsten ist die Nacht kurz vor der Morgenröte!“

 

Fabienne McLellan

Fabienne McLellan

Fabienne McLellan, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit und stv. Leiterin Internationale Zusammenarbeit nimmt mit Sigrid Lüber und Joanna Toole an der UN #SaveOurOcean Konferenz teil. Sie berichtet regelmässig aus New York über den Verlauf der Konferenz.