Über dem Atlantischen Ozean, Samstag, 16. Juni 2018

Wenn ich den Blick vom Bildschirm meines Laptops löse und ihn auf den Monitor in der Sitzlehne vor mir richte, sehe ich ein kleines weisses Flugzeug. Auf einem Bogen, der sich über der nördlichen Hemisphäre von Zürich nach New York spannt, gleitet es langsam nach links. 36 000 Fuss, lese ich darunter. In mehr als zehntausend Metern Höhe düsen wir über den Nordatlantik und legen in jeder Stunde nahezu tausend Kilometer zurück.

Ich sitze, wie immer, am Gang; hätte ich einen Fensterplatz gebucht, würde ich dort unten vielleicht Eisberge erkennen, weisse Punkte, die von Grönlands Westküste ins Meer hinaus treiben. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass ich auf diesem Monitor mehr Meer sehe als die Passagiere an den Fenstern: Auf dieser Route, das weiss ich nach mindestens zwanzig Transatlantik-Flügen, liegt meistens eine kompakte Wolkendecke zwischen dem Wasser dort unten und dem Himmel hier oben.

Seit 2004 fliege ich mindestens einmal pro Jahr nach New York, um im UNO-Gebäude am Hudson-River die Stimme für jene schutzbedürftigen Lebewesen zu erheben, die keine eigene Lobby haben. Die Bewohner der Meere.

2011, sieben Jahre später, durfte ich erleben, dass meine Stimme nicht nur gehört, sondern auch ernst genommen wird: Die UNO adelte OceanCare mit dem Status „Sonderberater“, eine Würdigung unseres Engagements, die uns seither Ehre und Verpflichtung ist – und eine Aufgabe, die uns immer wieder neu herausfordert.

Ich kenne die diplomatischen Spielregeln der Welt-Organisation, die zahlreichen Kommissionen und Unterabteilungen sind mir längst vertraut – eigentlich könnte ich mich entspannt in meinem Sitz zurücklehnen und mir ein paar Stunden Schlaf gönnen. Aber es gelingt mir nicht; ich kriege kein Auge zu. Ich sitze in Aufbruchstimmung in diesem Flugzeug und schreibe, voll freudiger Erregung, diesen Blog.

Denn jetzt, wiederum sieben Jahre später, widmet das UNO-Seerechtsabkommen das anstehende ICP-Meeting (die Abkürzung steht für Informal Consultative Process und bezeichnet eine Fachtagung, an der zentrale Fragen intensiv und lösungsorientiert zur Sprache gebracht werden) der neben dem Plastik-Müll grössten Herausforderung unserer Zeit. Im Fokus steht der von Menschen verursachte Lärm im den Ozeanen.

Was so schrecklich kompliziert tönen mag, lässt sich auf einen einfachen Punkt bringen: Für OceanCare ist dieses Meeting ein veritabler Durchbruch, für mich persönlich so etwas wie ein Erntedankfest; denn in der kommenden Woche darf ich die Früchte meiner beharrlichen Lobby-Arbeit einfahren. Zum ersten Mal behandelt das für uns wichtigste UNO-Gremium, das Seerechts-Abkommen, eine ganze Woche lang die kontinuierlich wachsende Beschallung der Meere. Dabei stehen nicht mehr nur die Schiffsmotoren und das Militärsonar im Vordergrund, Besorgnis erregen zunehmend die verheerenden Druckluft-Kanonen der Petro-Industrie, die auf der Suche nach Öl- und Gasvorkommen die Unterwasserwelt bis tief in den Untergrund, von einer Küste bis zur anderen mit tödlichem Lärm eindeckt.

Erkannt und analysiert ist das Problem schon lange, in endlosen, komplexen Debatten sind die vielen Aspekte des Unterwasserlärms zur Sprache gebracht worden.

Jetzt aber drehen sich die Mühlen der internationalen Diplomatie einen entscheidenden Schritt weiter: Es geht nicht mehr um das wie, wo und warum. Im Abschlussbericht sollen am Freitag der UNO Generalversammlung konkrete Massnahmen zur Eindämmung des Unterwasser-Lärms vorgeschlagen werden.

Und für uns gilt: Jetzt ist der Moment der Kraft! Wir haben das Thema aufs Podium gebracht, wir stehen im Licht der Scheinwerfer, wir starten durch. Das ist unsere Chance. Wir müssen sie nutzen.

Unser Team umfasst acht Personen: Neben Fabienne McLellan – sie unterstützt mich in allen Belangen der Internationalen Zusammenarbeit und fiebert neben mir mit, gehören die Meerespolitik-Experten Nicolas Entrup und Joanna Toole und Johannes Müller zum Kernteam; die kanadische Lärm-Forscherin Linda Weilgart, die Seerechtsexpertin Lora L. Nordtvedt Reeve sowie Susan Millward Tomiak vom Animal Welfare Institut ergänzen die grösste Delegation, mit der OceanCare je an einer internationalen Konferenz vertreten war. Das Kernteam reist bereits einen Tag früher an, damit wir genug Zeit haben, um uns vorzubereiten und abzusprechen, und einige von uns werden einen Tag länger bleiben, damit wir möglichst viel Einfluss auf den Abschlussbericht nehmen können.

Im Rahmen verschiedener Auftritte werden wir aufzeigen, dass der Unterwasserlärm nicht nur den Walen, die sich mit Hilfe ihres Sonarorgans orientieren, Nahrung beschaffen und Paarungspartner finden, eine tödliche Gefahr ist. Er zerstört auch die wirtschaftlichen Grundlagen und sozialen Strukturen des Menschen. Das beweisen wir am Beispiel eines norwegischen Fischers, den wir in einem kurzen Filmporträt vorstellen. Mit klaren, eindrücklichen Worten bezeugt er, wie die anhaltenden Schall-Immissionen der Forschungsschiffe die Fanggründe auf den Lofoten leer gefegt und die Fischer in dieser Region ihrer Lebensgrundlage beraubt haben.

In weniger als zwei Stunden werden wir auf dem JFK-Airport aufsetzen und einen Teil der OceanCare-Delegation begrüssen.

Das kleine Flugzeug auf dem Bildschirm nähert sich Neufundland – rund um diese kanadische Insel fühlen sich Blauwale besonders wohl. Ich bin froh, dass der Lärm des Flugzeugs, das gerade über ihrem Lebensraum dröhnt, sie nicht allzu sehr stört.

Es ist Zeit, den Laptop zuzuklappen; vielleicht finde ich doch noch eine Mütze voll Schlaf.

Am Mittwoch werde ich mich in aller Frische zurückmelden – mit aktuellen Resultaten und Eindrücken vom Geschehen im und um das UNO-Hauptgebäude, das für die nächsten Tage der Nabel unserer Welt sein wird.

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber, Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit nimmt mit Fabienne McLellan, Nicolas Entrup, Joanna Toole und Johannes Müller an der Konferenz des UNO-Seerechtsabkommens teil. Sie berichtet regelmässig aus New York über den Verlauf der Konferenz.