Mittwoch, 6. März 2019, Nairobi

Während sich die Berichte über die rasante Verbreitung von Plastikmüll häufen – von Spitzbergen bis in die Antarktis, von der Meeresoberfläche bis tief hinunter in den Marianengraben -, packe ich meine Koffer. Dabei gehen mit schreckliche Bilder durch den Kopf – Bilder, die mich nicht mehr loslassen: Schildkröten, Robben, Delphine und andere Meerestiere, die sich in einer tödlichen Umarmung mit Plastiknetzen verfangen haben, deren Mägen mit Plastik vollgestopft sind, weil sie den Kunststoff mit Nahrung verwechselt haben.

Aussen am Koffer bringe ich die Etiketts an. Destination: Nairobi, Kenia. Drinnen im Koffer bemühe ich mich um kunterbunte Ordnung – ein sehr alltägliches Element allerdings fehlt gänzlich: Plastik. Ich bin penibel darauf bedacht gewesen, keinen einzigen Plastiksack einzupacken. Mit gutem Grund: Die Einfuhr und die Benutzung von Plastiktüten sind in Kenia verboten. Wer mit einer Plastiktüte erwischt wird, muss – als habe er harte Drogen geschmuggelt – mit hohen Bussen oder gar mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Da das Plastikverbot natürlich auch für das Handgepäck gilt, ist meine erste Amtshandlung nach der Sicherheitskontrolle in Zürich so etwas wie eine Befreiung: Weg mit dem Corpus Delicti! Die kleinen – vor dem Abflug obligatorischen, nach der Landung verbotenen – Plastikbeutel, die der Verpackung von Flüssigkeiten dienen, müssen sofort entsorgt werden: Eine Sorge weniger.

Die Vehemenz, mit welcher die kenianischen Behörden das Plastikverbot durchsetzen, beeindruckt mich. Und ich wünschte mir, dass auch die Schweiz so konsequent vorginge: Es hilft der Umwelt wenig, wenn Plastiksäcke im Detailhandel mit einer Gebühr belegt werden. Was mit endlichen Ressourcen hergestellt wird, ist oft für nur wenige Minuten in Gebrauch und wird dann achtlos weggeworfen. Eine Verschwendung von Ressourcen sondergleichen. Es gibt nur eine Lösung: Das grundsätzliche Verbot von Wegwerf-Plastik.

Damit sind wir beim Grund meiner Reise nach Kenia und mittendrin im Thema: Die Bewältigung der weltweiten Plastik-Krise steht auf der Traktandenliste der vierten UNO-Umweltkonferenz (UNEA4). Und OceanCare wird konkrete Forderungen stellen, die weiter reichen und profunder durchgesetzt werden sollen als alle bisherigen Massnahmen. Diese Umweltkonferenz ist eine einmalige Möglichkeit, auf höchster Ebene Einfluss zu nehmen. Es nehmen Ministerinnen und Minister der UNO-Vertragsstaaten daran teil, aber auch Fachleute aus den Bereichen Wissenschaft, Technik und Industrie sowie VertreterInnen der Zivilgesellschaft. Alle haben ein grosses Ziel: Die Suche nach innovativen Lösungen für Umweltprobleme. Die Diskussionen drehen sich um die eine zentrale Frage: Wie können beim Konsum und bei der Produktion von Gütern natürliche Ressourcen wie Boden, Wasser oder Luft geschont werden?

Auch Staatsoberhäupter wie der französische Präsident Emmanuel Macron und unsere Bundesrätin und UVEK-Vorsteherin Simonetta Sommaruga werden dem obersten Entscheidungsgremium für internationale Umweltfragen nächste Woche die Aufwartung machen. OceanCare ist es ein zentrales Anliegen, dass man die Lösungen nicht nur in der Technik sucht – und damit die Verantwortlichkeit abschiebt! -, sondern dass alle auf der Ebene der globalen Gesetzgebung rasch und effizient handeln.

Bereits im Vorfeld haben wir uns für ein bindendes globales Plastikabkommen stark gemacht. Jetzt werden wir uns hier in Nairobi dafür einsetzen, dass die UNO-Mitgliedsländer eine Arbeitsgruppe damit beauftragen, den Umfang und die Parameter für ein neues Abkommen zu definieren. Derzeit wird das Thema Plastikmüll nur sehr fragmentiert in unterschiedlichen Regelwerken behandelt. Es gibt bislang kein einziges Abkommen, dass sich ausschliesslich diesem Problem widmet. Angesichts der Dimension, der Dringlichkeit und der Komplexität des Problems klafft in Sachen Governance ein riesiges Loch. Die Zeit eilt und die Verhandlungen für ein solches Abkommen müssten bald beginnen. Im Wettstreit gegen die Zeit verlangen wir aber auch einen Katalog an Massnahmen, der parallel auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene umgesetzt werden muss.

Im Einzelnen fordern wir:

– Die Entwicklung einer branchenübergreifenden Kreislaufwirtschaft, um den Plastikmüll an der Quelle zu vermeiden.

– Die Vermeidung des Exports von Abfällen in Drittländer.

– Ein Verbot von Einwegplastik sowie von Mikro- und Nano-Plastikpartikeln.

– Ein Verbot besonders giftiger chemischer Stoffe in Plastik

– Nicht zuletzt Massnahmen zur Vermeidung der Gefahr, die Kleinstorganismen als Basis der marinen Nahrungskette bedroht, wenn im Meer treibende Plastikabfälle oberflächlich abgeschöpft werden.

Es muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, die viel Geschick, Energie und Feingefühl für kulturelle Unterschiede erfordert. Deshalb freue ich mich sehr, dass ich dieses grossartige Team an meiner Seite habe: Johannes Müller, unser Policy-Experte, kommt aus Köln; Maximin Djondo, Konsulent zum Thema Aquatic Wild Meat in Westafrika, reist aus Benin an. Nebst dem Thema Plastikmüll gilt unser zweites Schwerpunkthema der Wilderei in den Ozeanen; Maximin wird es in den Fokus der Regierungsdelegierten rücken. Ich kann es kaum erwarten, mit den beiden, die am Wochenende anreisen, hier zusammenzuarbeiten.

Es bleibt kaum Zeit, die wildschöne Landschaft oder gar den Nationalpark zu erkunden; jetzt schon kommen mir die vier Tage, die seit meiner Ankunft vergangen sind, wie Wochen vor. Positionen mit anderen NGOs wollen abgestimmt, Argumentationen erarbeitet und Strategien definiert werden, denn innerhalb von UNEA ist ein koordiniertes Vorgehen der Zivilgesellschaft ein zentrales Kriterium. Durch einen glücklichen Zufall wohnen viele der NGO- Kolleginnen und Kollegen im selben Hotel, was den Austausch deutlich vereinfacht. Selbst der frühmorgendliche und spätabendliche Fussmarsch zum und vom UNO-Komplex wird genutzt, um Argumente und Strategien abzusprechen und durchzuspielen.

Dies ist notwendig, denn schon in dieser ersten Woche ist deutlich geworden, wie zäh die Vorverhandlungen zwischen Vertretern der jeweiligen UNO-Missionen aus aller Welt verlaufen. Offensichtlich haben gewisse Länder-Delegierte die Doktrin aus der Heimat mitbekommen, eine bremsende Haltung einzunehmen. In einem Klima, in dem nationalistische und populistische Tendenzen vorherrschen, ist es besonders wichtig, dass konstruktive Kräfte sich vor Ort und mit voller Kraft für unseren blauen Planeten einsetzen.

Im nächsten Blog wird Johannes Müller über die weiteren Geschehnisse berichten.

Fabienne McLellan

Fabienne McLellan

Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare

Fabienne McLellan ist Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare und nimmt an der UNO-Umweltkonferenz UNEA4 in Nairobi teil.