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Gedanken anlässlich des 10. Jahrestages der Deepwater Horizon Katastrophe.

In Zeiten der weltweiten COVID-19 Krise, Diskussionen über Krisenmanagement und zu erwartende heftige Auseinandersetzungen über finanzielle Massnahmen auf dem Weg aus der Krise, lohnt sich durchaus der Blick auf vergangene Katastrophen und die Frage was wir aus diesen gelernt haben. Nein, eine Ölkatastrophe ist nicht mit einer Pandemie vergleichbar, aber ich finde es legitim, sich damit zu befassen, welche Schlüsse und Massnahmen Entscheidungsträger getroffen haben, um Ähnliches in Hinkunft zu unterbinden.

Rufen wir uns vorweg nochmals die Geschehnisse des 20. Aprils 2010, ein Tag an dem die Weltöffentlichkeit den Atem anhielt, vor Augen. In einer Tiefe von etwa 1500 Metern kam es durch intensiven Druckanstieg zu einem unerwarteten Austritt von Öl und Gas, das sich entzündete, zu einer Explosion führte und eine Ölbohrinsel im Golf von Mexiko in Brand steckte. Elf Menschen verloren unmittelbar ihr Leben. In den folgenden Wochen strömten fast 800 Millionen Liter Öl ungehindert ins Meer. Beteuerungen der für die Deepwater Horizon Bohrinsel Verantwortlichen der Ölfirma British Petroleum (BP), alles zu unternehmen, um die Ölkatastrophe zu stoppen, wurden begleitet von den Bildern verendender Seevögel, Delphine und anderer Meerestiere. Die Welt war Zeuge der vollständigen Hilflosigkeit der verantwortlichen Firma, die kaum eine Möglichkeit fand, das in der Tiefsee verursachte Problem zu lösen.

Es war eine der grössten, aber bei weitem nicht die einzige Ölkatastrophe, bei dem ein technisches Problem zu jahre- oder jahrzehntelangen negativen Auswirkungen führte und der Mensch nicht in der Lage war, das Problem umgehend zu beheben. Ähnlich hilflos verlief der Versuch im Jahr 2009 , das Ölleck der Montara Bohrinsel in der Timor See, nordwestlich von Australien zu schliessen. Monatelang floss das „schwarze Gold“ ungehindert ins Meer, gefolgt von Chemikalien, die Einsatzkräfte über dem Meer verstreuten, um das Öl zunächst zu binden und es in kleine Teilchen zu zersetzen. Millionen von Litern dieser Chemikalie – dem Dispersionsmittel Corexit – wurden auch im Golf von Mexiko eingesetzt, um die Katastrophe vor allem optisch verschwinden zu lassen.

Die Folgen der Deepwater Horizon Katastrophe waren sowohl unmittelbar, aber auch langfristig. Betroffen war der gesamte Lebensraum tausender Arten, darunter Fische, Vögel, Korallen, Weichtiere, Reptilien, Krebse und Meeressäuger, aber auch Plankton und ein Küstenstreifen von mehr als eintausend Kilometern Länge. Im Anschluss an diesen Blog finden Sie noch einige zusammengefasste Informationen über die Auswirkungen auf einzelne Arten und Populationen.

Doch nun zum Lernprozess der Entscheidungsträger.

Eine der unmittelbaren Reaktionen war das Verhängen eines Tiefseebohrverbotes durch den damaligen US-Präsidenten Barak Obama, , das leider wenige Monate später wieder aufgehoben wurde. Es dauerte sechs weitere Jahre bis gesetzliche Bestimmungen in Kraft traten, die hauptsächlich darauf abzielten die technischen Vorkehrungen – den sogenannten „BlowOut Preventer“ (Absperrventile zur Sicherung der Leitungen über dem Bohrloch) – zu verbessern. Die Neuerungen sahen auch vor, die Wartung und Kontrolle des Funktionierens dieser Sicherheitsvorkehrung zu intensivieren und von einer unabhängigen Behörde prüfen zu lassen.

Diese ohnehin dürftigen „Verbesserungen“ stellten sich aber niemals der eigentlichen Problemstellung, dem Risiko von Tiefseebohrungen an sich. Dem nicht genug. Mit der aktuellen US-Regierung unter Donald Trump wurden einige der Massnahmen bereits wieder aufgeweicht, so wurde die Anzahl der Kontrolltests der Blowout-Preventer reduziert und die Kontrollen von Privatfirmen und nicht mehr einer unabhängigen Prüfbehörde durchgeführt werden.

Viele von Ihnen kennen auch die seitens OceanCare seit Jahren thematisierte Kritik an der Ölsuche, die mittels Schallkanonen und somit den lautesten vom Menschen verursachten Lärmquellen durchgeführt werden. 2015  haben wir mit dem Pariser Klimaabkommen einen weltweit gültigen Vertrag, der Staaten zur Reduktion der Treibhausgasemissionen und somit der Transformation des Energiesektors verpflichtet, doch es liegt immer noch kein Plan vor, der einen Ausstieg aus der Suche neuer Ölquellen festlegt.

Blicken wir ins Mittelmeer: Ägypten, Griechenland, Israel, Libanon, Libyen, Malta, Montenegro, Türkei, Zypern sind nur einige Mittelmeerländer, die in den vergangenen Monaten oder aktuell Genehmigungen zur Ölsuche erteilt haben. Einige der Regionen, wie der hellenische Graben, sind dreimal so tief wie der Unfallort der Deepwater Horizon Katastrophe.

Für mich stellt sich an dieser Stelle die Vertrauensfrage, ob vom Volk gewählte Entscheidungsträger ihrer Verpflichtung, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln, ausreichend nachkommen. Die kaum vorhandene Aufarbeitung und mangelnden Schlüsse aus der Deepwater Horizon Katastrophe stellen den Regierungen in diesem Zusammenhang eine vernichtende Bewertung aus.

Gerade in diesen Tagen hören wir erneut Lippenbekenntnisse zur Bedeutung funktionierender Ökosysteme und gesunder Meere, um Resilienz gegenüber des Klimawandels zu stärken, aber auch dem Aufkommen von Pandemien entgegenzutreten. Gleichzeitig erhöhen Interessensgruppen der Ölindustrie den Druck auf Regierungen, um auf Grund der Pandemie die Transformation des Energiesektors auszusetzen.

Aus meiner Sicht ist die Abkehr von der Erschliessung fossiler Brennstoffe alternativlos, ein Beitrag für den Schutz mariner Arten und eine zwingende Notwendigkeit für gesunde Meere.
Dies ist Teil der Mission des OceanCare Teams.

 

Faktenblatt Auswirkungen auf Tiere Deepwater Horizon-Katastrophe

 

Sigrid Lüber

Sigrid Lüber

Gründerin und Präsidentin von OceanCare