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Orcas sind keine Killerwale
Publizistische Hausarbeit von Cristina Graf
Orcas werden in den Medien und in Spielfilmen als Killerwale dargestellt. Ist der Orca gefährlich?
Silvia Frey: Der Orca ist ein Räuber, doch hat er einen „schlechten Ruf“, da er sich von Robben ernährt und die Gesellschaft für die gejagte Robbe Partei ergreift. Orcas werden vor allem als Horrorprojektion für Spielfilme missbraucht. Er ist gross, schwarzweiss, wird bis neun Meter lang und bis neun Tonnen schwer. Eigentlich ist der Orca ein Delphin. An ihm zeigt sich, dass Delphine keine Kuscheltiere sind. Nicht alle Orcas jagen Robben und Pinguine, es sind nur einzelne wandernde Gruppen, die dies tun. Bei den wandernden Gruppen werden sehr lange Strecken zurücklegt und die Orcas müssen ihre Ernährung entsprechend anpassen. Orcas, die eher resident leben, ernähren sich – im Gegensatz dazu - nur von Fisch.
In Filmen wird er jedoch meist als Einzelgänger dargestellt?
Silvia Frey: Der Orca ist, wie jeder Delphin, ein Gruppentier. Forscher haben in den Jahren 2003 bis 2004 im Nootka Sound, Kanada einen Orca dokumentiert, der seine Familie verloren hatte und solitär lebte. So fing er an Seelöwenrufe zu imitieren, aber nicht vordergründig, um sie zu fressen. Er hat diese Rufe gehört und imitierte sie, um zugehörig zu sein. Orca-Familien sind sozial sehr ausgeprägt und bleiben ihr Leben lang zusammen. Orcas, Grindwale und andere Delphinarten sowie Pottwale haben einen enormen Zusammenhalt in ihrer Gruppe.
Was bedeutet artenübergreifende Sozialkompetenz im Fall von einem Wal?
Silvia Frey: Ein Beispiel dafür ist ein Buckelwal, der eine Robbe davor rettete, von einem Orca gefressen zu werden. Er hatte versucht, den Orca mit der Fluke (Schwanzflosse) zu vertreiben. Als dies nichts nützte, versuchte er die Robbe mit dem Flipper (Brustflosse) auf den Bauch zu nehmen, doch sie rutschte wieder runter. Erst beim zweiten Anlauf gelang es ihm.
Warum retten Delphine Menschen?
Silvia Frey: Wale und Delphine haben die Fähigkeit zur Selbst- und Fremdwahrnehmung über die Spezies hinweg. Dadurch kann ihre Empathie auf eine andere Spezies, z.B. den Menschen übergreifen. Dennoch muss es vermieden werden, sie zu vermenschlichen.
Können Menschen Wale in ihrem Eifer auch belästigen?
Sigrid Lüber: Es gibt einen Fall von einer Frau, die hinter einem Grindwal herschwamm, ihn sozusagen schwimmend verfolgte, bis es dem Wal zu viel wurde. Er packte sie am Fuss und zog sie ungefähr 40 Meter in die Tiefe. Sie war eine geübte Taucherin und es geschah ihr nichts. Der Grindwal wollte sein Revier abstecken und sie mahnen. Dasselbe Verhalten lässt sich bei Walen und Delphinen auch bei der Erziehung ihrer Jungtiere beobachten.
Gibt es andere Beispiele für soziales Verhalten von Walen oder Delphinen innerhalb ihrer Spezies?
Sigrid Lüber: Delphine können Trauergefühle empfinden. Bei unserem Forschungsprojekt in Griechenland wurde eine Delphinmutter mit einem toten Baby gesichtet, das sie auf der Schnauze vor sich hin stiess. Die Gruppe nahm von dem Kleinen Abschied und liess die Mutter mit ihm allein. Nach ein paar Tagen kamen die Delphine zurück, um sie von dem toten Kalb zu trennen und wieder in die Gruppe aufzunehmen.
Warum leidet ein Delphin in Gefangenschaft?
Silvia Frey: Delphine können in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden. Während sie in Natur, in einem vielfältigen Lebensraum 100 Kilometer und mehr pro Tag zurücklegen und mehrere Hundert Meter tief tauchen, bleibt ihnen in Gefangenschaft nur, ihre Runden in der Einöde eines desinfizierten Pools zu drehen. Man darf nie vergessen, dass Delphine zu den wandernden Tierarten zählen. Die zahlreichen Medikamente, welche den Tieren in Gefangenschaft verabreicht werden müssen, damit sie nicht an Infektionen sterben, sind an sich schon ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Tiere für ein Leben in Gefangenschaft nicht geeignet sind.
Kann man sagen, dass dem Delphin die Gruppe fehlt, der er angehört?
Silvia Frey: Er leidet nachweislich in Gefangenschaft unter Stress und wird in der Regel nicht so alt wie seine freien Artgenossen. Zudem darf einfach nicht vergessen werden, dass die Delphine in Delphinarien zu einem grossen Teil aus Wildfängen stammen, welche - abgesehen von der Brutalität des Fangs und des Schicksals der gefangenen Tiere - die Struktur der wilden Populationen gefährden können. Der Kinofilm „Die Bucht“ (The Cove), der im März 2010 den Oskar für den besten Dokumentarfilm erhalten hat, zeigt die Verbindung der Delphinarien-Industrie mit den Treibjagden.
In Freizeitparks kommt es manchmal zu tödlichen Zwischenfällen mit Orcas. Im SeaWorld Orlando, USA tötete im Februar dieses Jahres ein Orca-Bulle seine Trainerin. Können Sie etwas dazu sagen?
Silvia Frey: Wenn man bedenkt, dass Orcas mächtige und grosse Tiere sind und im Vergleich dazu ihre Becken anschaut, dann ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass diese Tiere durch die Beengung des Lebensraums Verhaltensstörungen und Aggressionen aufbauen. Zudem ist die Zusammensetzung der Orca-Gruppen in Delphinarien durch den Menschen gesteuert. Dies kann unter den Tieren zu Kämpfen, die in Verletzungen resultieren, führen. Eine Folge davon ist meist, dass einzelne Tiere in andere Delphinarien verlegt werden.
Die verunglückte Trainerin soll grosse Zuneigung für “ihren“ Orca gehabt haben.
Silvia Frey: Es ist falsch, anzunehmen, dass ein gefangener Orca kein Wildtier mehr sei. Er ist zwar gezähmt, doch er bleibt ein Wildtier mit der Konsequenz, dass er auch so reagiert. Unfälle gibt es immer wieder, doch wenig mit tödlichem Ausgang für die involvierten Menschen.
Der Orca, der die Trainerin getötet hat, war bereits zwei Mal zuvor in Situationen involviert, bei welchen Menschen zu Tode kamen. Ein Show-Orca ist allerdings sehr viel wert und es ist nahe liegend, dass die Betreiber des SeaWorld deshalb nicht auf den Einsatz dieses Tieres verzichten wollten. Letzteres ist unverantwortlich gegenüber den Trainern.
Warum braucht es eine Organisation wie OceanCare?
Silvia Frey: Leider erfolgt die Nutzung der Meere durch den Menschen heute einem nicht nachhaltigen Muster. Diese Ausbeutung hat weder ihren Zenit erreicht noch ist eine Wende zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit den marinen Ressourcen in greifbarer Nähe. Gerade die Meeressäuger am Ende der Nahrungskette stehen unter enormem Druck. Einerseits werden sie noch immer bejagt und andererseits leiden sie unter der Überfischung durch den Menschen, Unterwasserlärm und Verschmutzung, welche ihren Lebensraum zerstören.
Man ist sich dieser Tatsachen wohl zu wenig bewusst …
Silvia Frey: Deshalb braucht es Organisationen wie OceanCare. Einerseits aufzuklären, aufzurütteln und Wege für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Meeressäugern und dem Meer aufzuzeigen. Andererseits um die Situation der Meeressäuger zu erforschen. Vor nur vier Jahren wurde der Chinesische Flussdelphin als ausgestorben klassiert. Weitere Arten sind in der „Roten Liste“ als sehr gefährdet aufgeführt und werden dasselbe Schicksal erleiden, wenn wir nicht endlich umdenken und vor allem auch so handeln.
Warum eine Meeresschutz-Organisation in der Schweiz?
Silvia Frey: Wir Schweizer sind weit vielschichtiger vom Meer abhängig, als es zunächst den Anschein macht. Unser Abwasser gelangt über die Flüsse ins Meer. Wir konsumieren in grossen Mengen Fisch und Rohstoffe aus dem Meer. Sehr viele Güter gelangen übers Meer zu uns. Kein Binnenland hat eine grössere Hochseeflotte als die Schweiz. Und unser Land entscheidet mit über das Ökosystem Meer in internationalen Gremien und Kommissionen. OceanCare ist für den Zürcher Tierschutz seit Jahren eine starke und effiziente Partnerin im Schutz des empfindlichen Ökosystem Meer.
Was ist speziell an OceanCare?
Silvia Frey: OceanCare hat es geschafft, mit bescheidenen personellen Ressourcen bereits viel zu erreichen. Immer wieder gelingt es uns, in politischen Gremien zu wichtigen Schritten anzuregen. Dabei legen wir stets grossen Wert auf die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.
Einen Bericht von dem Buckelwal, der die Robbe rettete, finden Sie auf: http://www.naturalhistorymag.com/exploring-science-and-nature/161929/save-the-seal
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