LAUFENDE PROJEKTE

Kreta

Pottwal Forschungsprogramm

 

Weil Fischer zufällig einige seltene "grosse Wale" im Südwesten von Kreta gesichtet hatten, initiierte das  Pelagos Walforschungsinstitut 1998 ein Forschungsprogramm, das zur Entdeckung einer der wichtigsten Populationseinheit von Pottwalen im ganzen Mittelmeer geführt hat. Die ersten akustischen und visuellen Beobachtungsresultate ergaben, dass Pottwale das ganze Jahr an der westsüdwestlichen Küste von Kreta leben. In den folgenden Jahren stellte es sich dank Fotoidentifizierungen heraus, dass sich in Abhängigkeit der Saison einzelne Tiere oder kleine Gruppen von jungen und reifen Männchen, sowie soziale Einheiten (Weibchen mit ihren Jungen) im Gebiet aufhalten. Einige soziale Einheiten werden seit 1999 regelmässig beobachtet. Mitglieder einer sozialen Einheit, die 1994 zuerst per Zufall fotografiert worden sind, wurden sogar noch 2007, 13 Jahre später gesichtet!

Südwest-Kreta und der Hellenische Graben (bis 5000m tiefes Unterwassergrabensystem) gehören zu den seltenen Gebieten auf der Welt, wo soziale Einheiten wie auch einzelne Männchen das ganze Jahr nebeneinander koexistieren. Sowohl die Nahrungsaufnahme wie auch die Fortpflanzung finden entlang dem Hellenischen Graben statt. Um diese Populationseinheit und seine einmaligen Merkmale zu studieren wurde das griechische Pottwal-Forschungsprogramm in ein langfristiges Programm umgewandelt, das schon seit mehr als einem Jahrzehnt durchgeführt wird.

Aufgrund der Resultate, die durch das Studium der Walbewegungen im Jahre 2002 verfügbar wurden, ist das Forschungsgebiet des Programms deutlich vergrössert worden. Somit deckt das Programm den grössten Teil des Hellenischen Grabens ab, von der Insel Lefkada im Ionischen Meer bis zum südöstlichen Rand von Kreta. Das Pottwal-Forschungsprogramm verwendet sämtliche verfügbaren, modernen und nichtinvasiven Methoden (passive Akustik, visuelle Beobachtung, Fotoidentifikation, Fotogrammetrie usw.), um die Pottwale zu studieren.

Die wichtigsten Programmziele sind: 

1) Die Verbreitung der Wale zu erfassen und die für ihr Überleben kritischen Lebensräume zu identifizieren.

2) Die Gesamtzahl von Walen, die den Hellenischen Graben und die griechischen Meere bewohnen oder sich kurzfristig dort aufhalten, abzuschätzen.

3) Die Dynamik und Tendenzen der Walpopulation (z.B. Geburts- und Sterblichkeitsraten) zu untersuchen.

4) Die kurz- und langfristigen Bewegungen der Wale, inkl. die Zeitspanne ihrer Anwesenheit, zu erfassen und zu verstehen.

5) Die Pottwal-Kommunikationslaute (sog. "Kodas") zu erfassen, studieren und zu verstehen, sowie festzustellen, ob ihr Repertoire bestimmte Lokaldialekte enthält.

6) Ihre Sozialstruktur zu studieren, insbesondere die Stabilität oder die Entwicklung ihrer sozialen Einheiten.

7) Grundlagenforschung über die Lebensgeschichte, die Bioakustik und das Verhalten der Pottwale zu betreiben.

8) Den Isolationsgrad zwischen den Pottwalen des östlichen und westlichen Mittelmeeres und denjenigen des Atlantischen Ozeans durch genetische Untersuchungen und Fotoidentifikationsstudien zu evaluieren.

9) Die wichtigsten Bedrohungen für die Pottwale in den griechischen Meeren zu identifizieren.

10) Die wissenschaftlichen Hintergrundinformationen bereitzustellen, die für den Schutz der Wale notwendig sind, und die ihnen ein langfristiges Überleben sicherstellen werden.

Die bisherigen Ergebnisse des Pelagos Walforschungsinstitutes zeigen u.a.:

Weniger als 200 Pottwal-Individuen leben im Gebiet. Der geringen Populationsgrösse wegen wird die Populationseinheit als sehr zerbrechlich bezeichnet. Aufgrund dieser Schätzung wird ferner vermutet, dass die gesamte Mittelmeerpopulation nicht aus Tausenden sondern nur aus Hunderten von Individuen besteht. Der Vorschlag wurde deshalb gemacht, diese Population als "gefährdet" in die Rote Liste der IUCN aufzunehmen.

Jährlich sterben mindestens 1.5 Pottwale in Griechenland nach Zusammenstössen mit grösseren Schiffen. Mehrere Individuen sind auch mit Kollisions-/Schiffsschrauben-Markierungen und Verletzungen auf ihren Körper gekennzeichnet. Die Sterblichkeitsrate, verursacht durch diese Kollisionen, ist sehr hoch für eine solch kleine Population, und das verhindert mit grosser Wahrscheinlichkeit ihre nachhaltige Entwicklung.

Obwohl die Treibnetzfischerei in griechischen Gewässern angeblich nicht unbedingt zur Alltagskulisse gehört, wurden trotzdem Individuen gesichtet, die sich entweder in den Netzen verfangen haben oder deren Schwanzflosse mit Treibnetzstücken umwickelt war. Öfters werden auch Plastiktaschen und andere Abfälle bzw. Fremdgegenstände in den Mägen von gestrandeten Pottwalen gefunden und in einigen Fällen hat es tatsächlich ihren Tod verursacht.

Unterwasserexplosionen, ausgelöst durch illegale Dynamitfischereiaktivitäten sind oft innerhalb des Lebensraumes der Pottwale zu beobachten, insbesondere südwestlich von Kreta. Deren Wirkung auf die Pottwale konnte bislang noch nicht bewertet werden. Auch militärisches Aktivsonar ist mehrfach innerhalb der Grenzen ihres Lebensraumes angewendet worden.

Die Gründer des griechischen Pottwal-Forschungsprogramms wünschen sich, die über die Jahre fotoidentifizierten Pottwal-Individuen auch in Zukunft bei ihrem älter werden begleiten zu können. Damit dies möglich wird, muss jedoch zuerst eine gesunde und sichere "Heimat" für die Pottwale entlang des Hellenischen Grabens sichergestellt werden.

Nach 10 Jahren Feldforschung hat das Pelagos-Forschungsinstitut im Jahre 2007 dem Wissenschafts-Komitee von ACCOBAMS vorgeschlagen, dass geplante Schutzzonen-Grenzen dem Hellenischen Graben entlang in Einklang mit den neusten Erkenntnissen für Pottwale erweitert und präziser definiert werden. Im selben Jahr wurde der Vorschlag von den ACCOBAMS Vertragsstaaten mit der Resolution 3.22 gutgeheissen.

Im Juni 2007 fand auf Lanzarote (Kanaren) ein Globaler Wissenschaftlicher Workshop zum Thema „räumlich-zeitliche Lärmüberwachung“ statt. Ziel dieses Workshops war herauszufinden, wie man Lärm kontrollieren kann, um die weltweite Bedrohung der Wale, besonders im Mittelmeergebiet, zu minimieren. Drei vorgeschlagene oder bereits existierende Mittelmeer-Schutzgebiete wurden gründlich geprüft, inkl. das vorgeschlagene MPA-Schutzgebiet im Hellenischen Graben, das mit den Argumenten des Pelagos Walforschungsinstitutes unterstützt wurde. Die Teilnehmer dieses Workshops haben sich auf folgende Empfehlungen geeinigt: 

1) Sämtliche seismische und militärische Sonaraktivitäten sollten im Hellenischen Graben unmittelbar eingestellt werden.

2) Für Schiffsrouten sollten bis zur Schaffung von geeigneten lärmfreien Zonen, sowie bis zur Verwirklichung von Lärmreduktionsmassnahmen und zur Festlegung von Vorschriften für Schifffahrtsrouten, entsprechende Vorsichtsmassnahmen eingeführt werden.

3)  Die Behörden müssen nationale Gesetze durchsetzen, welche sämtliche illegale Dynamitfischereiaktivitäten entlang dem Hellenischen Graben (sowie in allen griechischen Gewässern) verbieten.

4) Griechenland sollte den südwestlich von Kreta gelegenen Teil des Hellenischen Grabens zum Schutzgebiet erklären.

Die griechischen Behörden müssen jetzt ihren Verpflichtungen als Unterzeichner des ACCOMBAMS-Vertrages nachkommen und alle möglichen Schritte unternehmen, um ein Schutzgebiet entlang des Hellenischen Grabens zu schaffen und umzusetzen. Dazu gehört die Ausarbeitung und Implementierung bestimmter Vorschriften, die zum Schutz der Pottwale und der ebenfalls im Gebiet vorkommenden Cuvier-Schnabelwale beitragen.



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